11. November … lasst uns leben, bevor wir sterben…

Die schwierige Phase bei uns hält an. Mein Großer spannt mich zeitlich von etwa 5 Uhr morgens bis gestern wieder fast halb elf ein. Da ist bei mir abends nicht mehr viel los, ein paar Seiten lesen und dann ab ins Bett. Zur Zeit hab ich mal wieder ein sehr interessantes Buch, welches sich mit dem Tod befasst. Ich muss dazu sagen, ich habe bestimmt mein halbes Leben damit verbracht, den Tod zu verstehen, anstatt das Leben zu wollen. Für mich war er was magisches, oft verband uns eine tiefe Sehnsucht und manches mal war mein tiefster Glaube, Erlösung in ihm zu finden. Längst hab ich keine Angst mehr vor dem Tod, höchstens vor dem Sterben, vor dem „wie“. Inzwischen ist der Tod für mich ein natürlicher Wandel, von einem Leben ins nächste: wir kommen wieder, daran glaube ich. Die Faszination für diese Übergänge ist mir geblieben und ich stecke also immer noch gelegentlich meine Nase in Bücher zu dem Thema.

Aktuell ist es ein Buch über verschiedene Kulturen und ihrem Umgang mit dem Sterben und der Totenwelt. Sehr interessant, wie man früher gedacht und gehandelt hat. Was aber – wie immer – bei diesen Büchern auffällt, ist die Tatsache; es wird nie jemanden geben, der felsenfest behaupten kann: das Sterben, der Tod – SO ist er wirklich! Denn um den Tod verstehen zu können – ihn zu erleben – müssen wir sterben. Was dazu führt, dass wir nicht berichten können, wie es ist, tot zu sein. Allerdings ziehe ich für mich persönlich den Schluss daraus; wenn wir das Leben verstehen wollen, werden wir leben müssen. Es versuchen, nicht grübeln, andere fragen, es sich vorstellen; machen! Nur dann werden wir raus finden, wie es geht und wie es wirklich ist…

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10. November … irgendein Idiot reißt einem immer das Herz raus…

Stand der Dinge ist bei uns zur Zeit; der Kleine kämpft mit heftigen Neurodermitis – Schüben und dieses mal scheinen wir keine Salbe zu finden, die wirklich anschlägt. Gestern Abend war er wieder schlaflos, weil es so juckt und er nicht kratzen darf. Als ich ihm sagte „Ich würd dir das so gern abnehmen“, da schaute er mich mit großen Augen an und wollte wissen: „Wie geht das? Nimmst du mir dann die Haut weg?“ Ich hab es ihm dann erklärt, was ich wirklich meine. Da hat er mich angelächelt und gemeint: „Ach nicht doch, sonst kannst du nicht schlafen, so wie ich“. Tapfere kleine Maus, mein kleiner Mann. Nächste Woche gehen die Untersuchungen los. Irgendetwas lässt ihn in immer wieder kehrenden Abständen sein Essen erbrechen. In letzter Zeit wird es immer schlimmer und ich hab jetzt den Kinderarzt endlich an dem Punkt, dem nachzugehen. Irgendwie wurde es bisher einfach nicht ernst geworden. Wir werden auch das hinbekommen, da bin ich mir sicher…

Der Große geht momentan sehr aggressiv durchs Leben. Er neigt ohnehin dazu durch seine Behinderung. Aber seit seine Leberwerte nicht mehr passen, ist er auf Diät und sein Medikament wurde heruntergesetzt. Man kommt im Moment mit ihm immer wieder in Situationen, da möchte man ihn am liebsten an eine Wand tackern, damit er nichts mehr anstellen kann. Gestern Abend ging sein Wahnsinn bis weit nach zehn Uhr, heute ist er seit halb sechs wieder am rummeckern.

Meine Freizeit ist also zur Zeit mal wieder Null. Ich bin froh, wenn ich die Kids, meinen Haushalt, die Schule und Arbeit hinbekomme; an entspanntes Zocken oder einfach mal nichts tun ist nicht zu denken. Ich will aber nicht klagen und kann noch immer behaupten, es geht mir gut. Ich kann mit all dem Leben. Womit ich langsam nicht mehr leben kann, ist, wenn mir ein eigentlich nahestehender Mensch zum wiederholten male sagt; auch für ihn selbst (mein behindertes Kind) wäre es wahrscheinlich am besten, im Heim zu leben. Sorry wenn ich jetzt mal sehr konkret werde, aber das ist gelinde gesagt wie ein Schlag in die Fresse. Neun Jahre opfer ich nun schon mein Leben für meinen Großen und mir tut es um keinen einzigen Tag leid. Und ich versuche noch immer, meinen Kindern gerecht zu werden, immer. Ihnen den Weg zu zeigen, ihnen die Welt zu erklären, ihnen Liebe mitzugeben. Aber nichts davon scheint zu reichen, nichts. Mein Kind hätte es im Heim besser als bei mir. So sehr also habe ich versagt…

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9. November … Scheinheilige Weihnachtszeit…

So, nun geht sie wieder los, die stressige, etwas nervige Licht – und Liebezeit. Die All-Inclusiv- Glitzer-Show für die ganze Familie! Mir selbst bedeutet Weihnachten nicht sehr viel. Für meine Kinder hab ich es die letzten Jahre immer ganz gut durchgestanden. Wenn ich dann aber auf den Festen von meinem Sohn – speziell ausgerichtet für behinderte Kinder – von Erwachsenen angepampt werde, weil mein behindertes Kind zwei mal die gleiche Frage stellt und man sich dann in der Kirche beinahe um die zu knappen Sitzplätze prügelt, dann weiß ich; die haben gar nichts verstanden. Nichts. Man feiert das Fest des St – Martin; der uns zuallererst gelehrt hat, dass man teilt. Und dann prügelt man sich um eine Kirchenbank? Um ein Liederheft? Ernsthaft?

Ich mag dieses Gefeier vor Weihnachten nicht. Es werden Lieder gesungen von Frieden, Liebe und Beisammensein, mit Menschen, die einem so fremd sind und manchmal sehr unbehaglich in ihrem Verhalten. Mein Sohn kam letztens vom Hort nach Hause, war mit denen einkaufen. Hat sich mal eben einen Schokoladen – Adventskalender gekauft. Schön, ist scheinbar auch nicht mehr meine Entscheidung, ob und welchen Adventskalender mein Kind bekommt. Schade, dass mit diesen Dingen so unbedacht umgegangen wird. Da erzählen sie meinen Jungs von Licht und Liebe und was die Geburt Jesus so hergibt und dann wird das Ganze verramscht. Bin ich froh, wenn es Januar wird und das alles vorbei ist. Eine unehrlichere Zeit gibt es kaum…

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8. November … Du musst für dich leben, nicht für andere…

„Ein König hatte in seinem Garten einen so unermesslich tiefen Graben, dass man nicht einmal bis zum Grund heruntersehen konnte. Irgendeines schönen Tages dingte er sich viele Tagelöhner: Sie sollten Erde aufhäufen und den Graben auffüllen. Einige von ihnen nahmen erst mal genauer den Graben in Augenschein und als sie dessen maßlose Tiefe sahen, sagten sie törichterweise: Wie kann man einen solchen Graben auffüllen? und zogen sich von der Arbeit zurück. Die Vernünftigen dachten sich: Was geht es uns an, wie tief der Graben ist? Wir werden tageweise bezahlt und sind glücklich, Arbeit zu haben; tun wir unsere Pflicht und füllen wir ihn auf, so weit wir können. So sage der Mensch nicht: Wie unermesslich ist Gottes Gesetz! Tiefer ist es als das Meer! Wie viele Vorschriften! Wie denen allen nachkommen? Gott sagt zum Menschen: Du wirst für den Tag bezahlt! Tue an Arbeit, was du kannst – und denk nicht an anderes!“ Talkut

Falls jetzt jemand innerlich aufstöhnt und denkt „Ich glaube ohnehin nicht an Gott.“; mag sein, vielleicht glaube ich auch nicht an ihn. Was wir aber verstehen sollten in diesem Leben: Egal, was wir tun; wir tun es für uns selbst – nicht für andere. Wenn wir nur jeden Tag unser Werk verrichten, ohne uns ständig zu fragen; wofür, für wen, macht das Sinn? Wenn wir lernen, darauf zu vertrauen, dass es gut ist und richtig und letztendlich Sinn hat – und wenn es nur der ist, diesen endlos tiefen Graben in unserem Leben zu füllen, damit wir nicht irgendwann reinfallen, darin verloren gehen. Es ist deine Entscheidung, ob es Sinn macht, diesen Graben zu füllen oder nicht. Es ist dein Leben, jeder einzelne Tag davon, an dem du schaufelst. Nur eines sollte man bedenken; wenn du es nicht tust, sag hinterher nicht, man hätte dir nichts zu tun gegeben…

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7. November … ertrage dich selbst und du erträgst die Welt…

Seit ziemlich genau einem Jahr und zehn Monaten befasse ich mich mit mir selbst, drösel meine ganze Vergangenheit auf und geh meinen Weg. Zerlege Momente, die unglaublich schmerzhaft waren; zerlege sie so lange, bis ich jedes winzige Detail davon kenne und so vertraut damit werde, dass ich nichts davon mehr fürchten muss. Halte fest die wunderschönsten Erinnerungen und geh in die Dankbarkeit, sie gelebt haben zu dürfen. In den letzten Tagen wurde mir eines immer mehr bewusst; der Zeitpunkt, als die Entscheidung für mich reifte, Kinder zu bekommen, der Weg dahin, der ziemlich chaotisch war und nicht immer leicht und all die Konsequenzen, die ich bis heute damit lebe – erlebe – ; diesen Zeitraum habe ich bis heute nicht angerührt. Warum eigentlich?

Die Frage kann ich so im Moment nicht beantworten, aber ich versuche, sie zu finden. Mein Leben war vor meinen Kindern sehr bunt; manchmal ging es mir verdammt gut und in anderen Zeiten wusste ich morgens nicht, wo ich abends schlafen konnte. Oft stand ich an Abgründen (Emotional), die so tief waren, dass man den Boden unten nicht ausmachen konnte. Manchmal bin ich da rein gestürzt, manchmal konnte ich mich selbst retten oder wurde gerettet. Und dann gab es Momente, da hab ich die Arme weit ausgebreitet und bin gesprungen. Weil ich endlich frei sein wollte von all dem Schmerz und der Dunkelheit. Jahre meines Lebens hatte ich eine sehr große Sehnsucht in mir; zu sterben. Gerettet hat mich letztendlich die Tatsache, dass ich damals nicht allein sein konnte – und auch nicht alleine sterben wollte… Ich habe viel erlebt, gesehen, verloren, gefunden; zufrieden oder gar glücklich war ich nie.

Und dann war mein erster Sohn auf dem Weg auf diese Welt. Zwei Monate vor seiner Geburt zerfiel mir mein geliebter Alfa Romeo unter dem Hintern und ich verlor so ziemlich das letzte von „Wert“, was ich damals hatte. Und doch stand ich auf, erhobenen Hauptes, sah mir immer wieder in die Augen und blieb ruhig. Die Angst, dieser Welt nicht gewachsen zu sein, nicht bestehen zu können, mehr noch, zu versagen, war fort. Ich war mir sicher, ich kann alles schaffen, auch das, auch ein Kind; das, was ich bis dahin am allerwenigsten in diesem Leben wollte. Seit ich meinem Sohn das erste mal in seine damals anthrazitfarbenen Augen gesehen hab, ist der Friede bei mir und ich bin ein zufriedener Mensch, der jeden Tag nur zufriedener wird. Als ich am wenigsten hatte, wurde mir die größte Verantwortung übergeben und das wertvollste geschenkt. Vielleicht habe ich mich noch nie mit dieser Zeit beschäftigt, weil sie keine Fehler hat. Weil sie schwer war, oft zu viel, isolierend, herausfordernd und doch die schönste Zeit, die ich je hatte und in meinen Augen perfekt. Weil ich gelernt habe, dass einem das Leben nichts schenkt, wenn man nicht bereit ist, etwas anzunehmen. Und weil ich begriffen habe, dass man alles hat, was man zum Leben braucht, man muss es nur erkennen. Ich selbst bin mein Sinn und wenn ich ihn an mein Leben weitergebe, dann wird mein Leben Sinn haben. Und jetzt geh ich wieder in meine Stille, da ist einiges los…

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6. November … Kaffee wirds schon richten…

Was für eine Nacht! Bis um ein Uhr ruhelos durch die Wohnung getigert. Um elf hatte ich schön brav das Zocken aufgehört – und das, obwohl ich endlich ein neues Spiel angefangen hab. Noch etwas Fernseh geschaut und als ich endlich die nötige Schwere zum Schlafen hatte und mich grade gemütlich eingekuschelt hatte, stand mein kleiner Sohn plötzlich da. Seit einer Woche plagt ihn wieder seine Haut und die Salbe schlägt nicht an. Zum Glück hab ich einen Termin für heute vereinbart, Husten kam über Nacht jetzt auch noch dazu. Tja, das wars mit meinem freien Tag, werd wohl heute durchgehend Gesellschaft haben. Freizeit wird wohl einfach überbewertet…

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5. November … warum lebt ihr nicht einfach?

Was, wenn wir einfach da raus gehen und leben? Aufhören, nachzudenken. Uns vorher schon Sorgen machen. Nachts wach liegen und grübeln, wie es wohl weiter geht. Menschen nicht von vornherein verurteilen, nur weil sie nicht genauso ticken wie wir. Aufhören, das gestern zu bewerten und es heute erst gar nicht versuchen; weil wir verletzt werden, belogen, betrogen, hintergangen. Was, wenn wir unserem Geist erlauben, jeden Tag von vorne zu beginnen, als hätte es kein gestern gegeben? Frei von Vorurteil, Angst und Zweifeln. Was, wenn der Mensch aufhören würde, Ausreden zu finden, warum er nicht einfach zufrieden leben kann?

Ihr könntet alle so frei leben wie ich. Und müsstet mir nicht einreden, dass ich es nicht kann… 😉

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