21. März … ich weiß, dass du mich holen kommst…

… ich bin nicht weg, ich bin nur nicht mehr hier…

Wenn ich ehrlich bin weiß ich nicht mehr, wo ich bin. Ich hab die letzten Monate tatsächlich dagegen angekämpft, dass ein kleines schwarzes Kind mein Leben zerstören kann. Und ich merke jeden Tag mehr, dass ich verlieren werde – vielleicht längst verloren habe aber ich bin wie ich bin; kämpfen, bis zum Schluss…

Eigentlich hab ich immer nur ausgehalten, mein ganzes Leben lang, seit ich denken kann. Ausgehalten, anders zu sein. Mich ungeliebt zu fühlen. Ein Mädchen zu sein… Ich hab ertragen, meine Zwillinge nicht auf dieser Welt zu haben und ihre Schreie von da an jede Nacht. Ich hab ertragen, dass ich immer nur fürs Bett genug gewesen wäre. Ich hab ertragen, dass man sowas wie mich nicht liebt… Irgendwann hab ich sogar mich selbst ertragen…

Als ich dann meine Kinder bekam lernte ich, dass man immer genug ist, wenn man immer versucht, das zu geben, was man geben kann. Ich lernte, dass man Liebe nicht verdienen muss, sondern ihre reinste Form davon einfach bekommt weil sie ist. Ich lernte, dass es nichts auf dieser Welt gibt, wofür man wirklich kämpfen muss, denn jeder Kampf, den wir beginnen, endet in einem Kampf gegen uns selbst. Und ich lernte wieder das Ertragen. Die Müdigkeit, die Einsamkeit, den Hunger, die Stille, den Schmerz… Bis ich mich auf den Weg zu mir selbst machte. Denn da fing ich an, mich selbst zu lieben und nicht nur die anderen. Der Preis dafür war mein Herz, welches ich wieder bekam. Sanft und beinah ehrfürchtig nahm ich in meine Hände, was ich einst auf Eis gebettet schlafen gelegt hatte, damit es nicht ganz stirbt. Ich legte es zurück an den Ort, an den es gehörte und ich durfte lernen, zu lieben. Nicht mit dem Verstand oder gegen die Einsamkeit, sondern aus reinem Herzen. Und ich war dankbar dafür…

Und nun steh ich hier und immer wieder entsteht diese Frage in mir; warum nur hast du dieses Herz wieder lebendig gemacht? Sag, warum? Damit es jetzt endlich sterben darf? Damit all diese schlechten Bilder und Träume in meinem Kopf es zerreißen? Nie wieder Kampf hab ich mir selbst gesagt und seit Wochen mache ich nichts anderes; ich kämpfe gegen diesen Dämon, der hier grinsend in der Ecke sitzt und mich fixiert, seit man meinen Sohn missbraucht hat. Ich hab ihm keinen Raum gegeben, diesem Dämon. Keine Beachtung geschenkt. Ihn nicht ignoriert, nein denn ich wusste all die Zeit, dass er da sitzt, mich angrinst und zu mir rüber sieht. Ich hab ihn einfach da sitzen gelassen, oft dem Drang widerstanden, ihm im Vorbeigehen den Mittelfinger zu zeigen oder die Zunge raus zu strecken. Ich dachte, er verschwindet irgendwann von ganz allein weil es ihm zu langweilig wird. Aber er sitzt immer noch da. Inzwischen kommt er mir näher, jedes mal nur ein kleines Stück aber er kommt mir immer näher. Ich fürchte ihn nicht – Gott bewahre – ich hab Dämonen nie gefürchtet. Ich schwanke zwischen „Hau ihn einfach um“ und „Schmeiß ihn einfach raus“ aber mein Verstand, mein Verstand lächelt müde und sieht mich an. Ja ich weiß, mein lieber Verstand, ich weiß. Dämonen haut man nicht um, man schmeißt sie auch nicht raus. Nein, man tötet sie auch nicht denn Dämonen sterben nie!

… ich bin nicht fort, bin nur nicht mehr hier. Ich hab mich schlafen gelegt weil ich nie wieder kämpfen will. Nicht mehr kämpfen kann. Nicht mehr mag…

Bild von pixabay

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