24. Januar … es tut mir leid!

Einen ganzen Monat ist mein Sohn nun fort und es zerreißt mir immer noch das Herz. Seither sind die Nächte viel zu lang, der Schlaf viel zu weit fort und die Stille manchmal so unerträglich laut, dass ich zurück brülle. Vor ein paar Tagen hat er mir einen langen Brief zukommen lassen; er muss ihn irgendwann heimlich geschrieben haben und hat ihn dann seinem Bruder, den er im Hort sieht, mitgegeben. Ein Satz hat mich besonders getroffen; „Wenn du mich lieb hättest würdest du mich heim holen“. Falls von meinem wunden Herz noch irgendwas übrig war, dann haben diese Worte es endgültig zerfetzt. Der ganze Brief hat mich so sehr zum Weinen gebracht. Er hat darin auch gebeten, dass ich ihn am Samstag, den 23. Januar nach Hause hole. Die ganze Nacht lag ich wach und hab mich immer wieder im Stillen bei ihm entschuldigt, dass ich ihn nicht heim geholt habe. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, wohin mit diesem Schmerz in meinem Herzen. Wie gern ich ihn nach Hause holen würde und wie sehr ich weiß, dass wir dann wieder nur an diesem einen Punkt ankommen werden; er wird mich wieder verprügeln und bedrohen…

Manchmal schwanke ich zwischen „Leg dich hin, sei still und zerbrech endlich daran!“ und „Steh auf, mach dich gerade und geh endlich weiter!“. Wie viel Verrat an meinem Kind wird es sein, einfach weiter zu gehen und ihn zurück zu lassen? Endlich ein aufrechtes, freies Leben ohne seine Fesseln leben zu können? Diese Freiheit hat einen solch enormen Preis! Und ich hätte ihn nie bezahlt, wenn es nur einen einzigen sinnvollen anderen Weg gegeben hätte. Und ich weiß, jeden Tag sogar ein Stück mehr, dass diese riesengroße Leere in mir, die du hinterlassen hast, mein Großer, nie wieder zu füllen sein wird…

Ich hab es mir manches mal vorgestellt, dieses Leben ohne dich. Wieder selbstbestimmt entscheiden können, nicht immer angespannt darauf achten was du wohl wieder als nächstes anstellen wirst. Morgens mal wieder länger schlafen als 5 Uhr und vielleicht auch mal wieder eine ganze Nacht am Stück. Manchmal hab ich es mir vorgestellt, wenn du alt genug geworden bist und deinen eigenen Weg gehen wirst, wie es dann sein könnte, mein Leben. Ungewohnt frei und ungebunden für mich. Nie, nie habe ich daran gedacht, wie unglaublich leer es sein wird, wie nutzlos und ungebraucht ich mich fühlen werde ohne dich. Du hast oft weit mehr aus mir heraus geholt als in mir drin war und bist viel zu oft mit riesen Schritten weit über meine Grenzen gelaufen. Und doch hast du mich mit einer großen Aufgabe erfüllt, die ich trotz allem zu schätzen wusste und ich war manches mal sehr stolz, deine Mutter sein zu dürfen. Jetzt erfüllt mich die Stille, die du hinterlassen hast und die Nächte hüllen mich schweigend in Erinnerungen an dich; wie fröhlich du warst, wie wunderschön deine großen blauen Augen sind, tief wie Bergseen. Wie stolz du warst auf alles, was du geschafft hast und wie unendlich viele Ideen du immer hattest; es tut mir leid, dass manche davon einfach zu weit über meine Grenzen gingen. Und das ist jede Nacht, seitdem du fort bist, mein leises Flüstern in die Nacht: es tut mir leid! Es tut mir leid, dass ich am Ende doch versagt habe an dir…

Bild von Sabrina Eickhoff auf Pixabay 

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