30. November … ich sag es ungern aber du kannst mich mal!

… ein ganzes Leben hab ich gebraucht, um stark zu werden. Stark, stark genug, mich auszuhalten. Stark genug, an jedem noch so beschissenen Tag in diesem Leben zu wachsen, anstatt zu zerbrechen. Stark genug, diese endlose Leere in mir jeden Tag ein kleines Stück mehr mit Liebe zu füllen. Stark genug, um der Dunkelheit zu trotzen und selbst der Einsamkeit hab ich irgendwann freundschaftlich auf die Schulter geklopft und seither bleibt sie manchmal einen Moment, bevor sie sich geschlagen wieder verzieht. Geschlagen von meinem Willen, am Leben zu bleiben, nicht aufzugeben, nicht unter zu gehen…

… ein ganzes Leben lang bin ich stark geworden und als ich es mir endlich eingestanden hab, dass ich heute da steh, wo ich hin wollte – ganz leise, Glück sollte man niemals verschreien – da reichte ein Moment, um all das wie feinstes Glas einfach zerspringen zu lassen. Wie lang stand ich in diesem Regen aus Glassplittern, merkte gar nicht wie viele davon sich tief in meinen Leib, mein Herz, meine tiefschwarze Seele bohrten und verstand erst gar nicht, was da passierte. Dieser winzige Moment, der meine kleine Ewigkeit geworden ist – werden musste – und wohl nie vergehen wird. Ein Augenblick, der aus meinem stillen, lieb gewonnen kleinen Leben eine ganz persönliche Hölle gemacht hat. Einst, einst hab ich gesagt, wie traurig es ist, wenn man selbst der Hölle entkommen ist und andere nicht an der Hand nehmen kann, um sie von dort raus zu holen. Weil jeder seinen eigenen Weg durch die Hölle gehen muss und raus, raus findet nur jeder allein. Ich kenn den Weg hab ich geglaubt und weiß erst heute, welch Irrtum das war. Einen Scheißdreck kenn ich. Jede verdammte Hölle entsteht neu, wird geboren aus unseren tiefsten Ängsten, unserem schönsten Schmerz und den Albträumen, die uns Nacht für Nacht daran erinnern, wo wir herkommen…

… ein ganzes Leben lang hab ich gebraucht, aufrecht stehen zu können. Ich hab Dankbarkeit gelernt für dieses kleine Leben, das da mir gehört. Demut musste – durfte – ich lernen, auf oft schmerzvolle Weise. Wie viel Kraft, wie viel Liebe, wie viel Wut hat es mich am Ende gekostet, hier zu stehen, stark, ungebrochen, immer wieder zusammen geflickt nach jedem Scheitern, jedem Fall, jedes mal hab ich mich irgendwann nur noch ein Stück größer wieder zusammen gesetzt und hab manches mal dabei still gelächelt. Und dann reicht ein Augenblick, ein einziger Augenblick, um all das in Frage zu stellen. Diese Hölle, die ich einst hinter mir gelassen habe, öffnet leise ihre Pforten und bittet mich erneut herein. Ich kann ihn sehen, den Leibhaftigen, dort sitzt er noch immer, wo ich ihn zurück gelassen hab. „… man sieht sich immer zweimal…“ – das waren seine letzten Worte an mich und ich sah ihn damals an, lange Zeit sah ich ihn schweigend an und mit all meiner Überzeugung ließ ich ihn wissen “ … nicht in diesem Leben!“… Nun dürft ihr raten, wer sich ganz besonders freut, mich wieder zu sehen.

Ein ganzes Leben lang hab ich gebraucht für etwas, das nicht einen Moment Stand hielt, als meine Welt zutiefst ins Wanken geriet und einen Moment hab ich mich tatsächlich gefragt; war es am Ende nichts Wert, nichts, gar nichts was du in den all den Jahren aus dir gemacht hast? Ich wollt grad Antwort geben als ich mir Zeit ausbat, darüber nach zu denken. Lass mich einen Moment überlegen, ob ich am Ende tatsächlich nicht genug war für diese Welt. Aus diesem Moment sind Minuten, Stunden, Tage, Wochen geworden. Nicht, weil ich die Antwort darauf nicht wusste, sondern weil ich mir einfach nicht sicher war, wie man es der Welt sagt. Vielleicht so: du kannst mich mal! Zu keiner Zeit war ich nicht genug! Du, du hast zu sehr gewankt, während ich mich zum ersten mal in diesem Leben wirklich sicher fühlte. Ich war genug, während du gebebt hast und ich werde genug sein, wenn ich dieses Beben überwunden habe. Und noch was; ich werd es wieder lernen, aufrecht stehen, ich werd es wieder lernen. Mindestens so lange wirst du mich noch dulden müssen hier auf dir, liebe Welt. Mindestens das werde ich mir zurück holen. Mag sein, nichts wird mehr so, wie es mal war. Mag sein, da fehlt ein Teil von mir, der unwiederbringlich fort ist. Aber ich, ich bin noch hier und ich bin genug!

Bild von Peggychoucair auf Pixabay

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