23. Oktober … verzeihen heißt auch befreien…

Erinnert ihr euch, ich hatte hier mal von meiner letzten Wahl geschrieben in Bezug auf den Vorfall mit meinem Sohn im Wohnheim. Ich schrieb, dass mir eigentlich nur noch eine Wahl bleibt; verzeihen. Die Tage hab ich einen Brief erhalten mit einer Rechnung. Ich soll die Zuzahlung für den Krankentransport meines Sohnes bezahlen. Fast drei Monate später werde ich zur Kasse gebeten für den Transport meines Kindes, welches damals grade sexuell missbraucht wurde. Im ersten Moment hat mich das sehr traurig gemacht, dass man das uns auch noch anlastet, nachdem die ganze Tat unbestraft bleibt. Und nein, mir geht es nicht um die paar Euro Zuzahlung, sondern einfach nur ums Prinzip. Mein Sohn und ich, wir leiden bis heute unter diesem Vorfall. Mag sein, es ist besser geworden aber es wird nicht mehr gut. Irgendwas an uns ist nicht mehr ganz und wenn eines sicher ist, dann das; wir werden diesen fehlenden Teil in uns nie wieder zurück bekommen. Wie auch, wenn man nicht mal ganz sicher ist, was einem da genommen wurde…

Egal wem ich von dieser Zuzahlung erzählt habe, jeder reagierte in die gleiche Richtung; unverschämt, traurig, Frechheit! Ein mir sehr nahe stehender Mensch meinte sogar, ich solle die Rechnung weiter ans Heim geben, das Geld einfordern, wenn es sein muss mit Mahnung und allem drum und dran. Ich musste schmunzeln; ja, ja genau so hätte ich es auch gemacht, bevor ich verzeihen gelernt habe. Ich hätte diese 10 Euro rein aus Prinzip eingefordert, wenn es sein muss auch mit Mahnkosten und allem drum und dran. Aber warum habe ich diese ganze Tat verziehen? Letztendlich nur, um uns zu schützen und nicht zuzulassen, dass uns das, was geschehen ist, noch lange belastet. Es belastet uns, keine Frage aber wir haben unsere Wege gefunden, damit umzugehen, damit zu leben. Ich werde nicht zulassen, dass uns jetzt jedes mal etwas aus unserer Bahn wirft, nur weil wir erinnert werden. Und ich werde ganz sicher keinen einzigen Weg beschreiten, der Gefahr läuft, dass mein Sohn irgendwann aussagen muss, was ihm widerfahren ist. Er hat mir alles erzählt, alles was er mir erzählen konnte und mich dann gebeten, niemandem davon zu erzählen. Niemandem. Und auch er will niemandem davon erzählen. Das ist sein gutes Recht! Ihm ist das passiert, nicht mir. Leider nicht mir, sondern ihm. Und ich hoffe, er kann irgendwann wenigstens mit seinem Therapeuten darüber sprechen. Vielleicht war es ihm auch genug, mit mir darüber zu reden und ich rechne ihm das hoch an; ich weiß, wie viel Überwindung ihn das gekostet hat. Aber verzeihen heißt halt auch, dass man die Dinge ruhen lässt, auf keine Rache mehr sinnt und seinen Frieden damit sucht. Wenn jemand das Recht hat, dieses Thema wieder aufzumachen, dann mein Sohn und nur er. Von Zeit zu Zeit sagt er „Gell Mama, Marktl (das Wohnheim) war doch nicht so gut wie wir dachten“ und dann sieht er mich an mit seinen riesigen blauen Augen. Er sieht mich sonst fast nie an, Autist halt. Und ich weiß, was er mir eigentlich sagen will und nicht mehr aussprechen mag. Wir suchen unseren Frieden, beide und wir finden ihn auch in der Tatsache, dass jeder Mensch auf dieser Welt seine Rechnung irgendwann bezahlt; jeder…

Ich hab meinen eigenen Vater gehasst, aus tiefstem Herzen gehasst. Er war nie für mich da, für keinen von uns 5 Kindern. Hat sich nie um uns gekümmert, ich kann mich an kein vernünftiges Gespräch mit meinem Vater erinnern. Nur Schläge bekam ich manchmal von ihm, mehr Aufmerksamkeit gab es nicht. Als er sich auf und davon machte in meiner Jugend, da sah ich ihn ein letztes Mal und wünschte ihm, er möge mir doch wenigstens einen Gefallen tun in diesem Leben und elendig verrecken. Jahrelang pflegte ich diesen Fluch, mein einziger bis heute, der auf den Tod zielte. Mein Vater starb 6 Jahre später sehr elendig an Krebs und in seinen letzten Stunden sah ich ihn da liegen, in einer Windel und mit sehr trüben Blick. Ich nahm seine Hand, zum ersten mal in unser beider Leben hielt ich seine Hand, die mich als Kind manches mal schlug und hielt sie fest. Ich bat ihn, mir alles zu verzeihen, was es zu verzeihen gibt und hatte seine Zeilen aus einen seiner wenigen Briefe im Kopf; du bist meine Tochter, da gibt es nichts zu verzeihen. Lange Zeit versuchte ich, seinen trüben müden Augen zu begegnen; ich fürchtete sie nicht aber man konnte zusehen, wie das Leben aus ihnen wich und er wusste das. Und dann verzieh ich ihm alles auf dieser irdischen Welt und schickte ihn heim zu den Sternen. Er wünschte mir mit seinen letzten Worten eine gute Nacht und bis heute, wenn jemand das zu mir sagt „Gute Nacht, schlaf gut!“ , dann höre ich ihn und seh ihn schlafen, ganz friedlich…

Wir glauben immer, Geld, Waffen oder ein gewisser Grad an Bekanntheit verleiht uns Macht. Was wir immer wieder unterschätzen ist die Macht unserer Gefühle. Liebe – wenn man so will und um sie weiß in ihrer wirklichen Form – eine der größten Mächte dieser Welt. Niemand, niemand kommt gegen sie an wenn sie nur echt ist, niemand. Wie oft haben wir uns wegen ihr zum Narren gemacht… Und so ist es mit dem Verzeihen; wir können es als ein Übel ansehen, eine Gnade, die wir niemandem gewähren. Oder wir erkennen die Gnade darin, uns selbst durch verzeihen zu erlösen und die Macht zu finden, dass uns nichts und niemand auf dieser Welt zerstören kann! Der Täter entscheidet, uns etwas anzutun. Letztendlich entscheiden wir, wie lange er uns etwas antut. Verzeihen wir ihm irgendwann, nehmen wir ihm alle Macht. Vielleicht ist das mit die schwerste Entscheidung in unseren schmerzlichsten Momenten, jemandem zu verzeihen. Aber es wird uns befreien, wenn wir uns dafür entscheiden können und vielleicht treffen wir diese Entscheidung leichter, wenn wir uns eines klar machen; wir nehmen nicht dem Täter die Schuld, sondern uns die Last…

 

Bild von Albrecht Fietz auf Pixabay

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