10. Oktober – Ich bin hier, auf meinem Platz!

Ich bin wieder da, fast wieder da. Zwei Monate sind vergangen, als mir der Vorfall mit meinem Sohn im Wohnheim den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Mir kommen diese 2 Monate wie Jahre vor, wie ein ganzes Leben, Zeit, um die ich nie gebeten habe. Die ersten Tage danach hab ich in Schockstarre verbracht, reglos wie ein geblendetes Reh im Scheinwerferlicht. Für meine Kinder hab ich funktioniert, irgendwie. Es war schwer, unendlich schwer, jede einzelne Minute. Zum ersten mal seit einer gefühlten Ewigkeit hatte ich Angst; Angst, dass es still wird, die Gedanken kommen, Bilder… Bis heute läuft der Fernseher die ganze Nacht, erst in der letzten hab ich ihn morgens ein paar Minuten ausgemacht, bevor ich aufgestanden bin.

Nach der Starre kam die Wut, unbändige Wut und sie hat mich so sehr zerrissen. Sie machte mich frei vom Schmerz aber fesselte mich an diesen Hass, der aus mir raus musste. Wie oft drohte ich daran zu ersticken, wie oft ging ich in die Knie, wie oft hab ich um Gnade gebeten; die Gnade, vergessen zu können, wenigstens für einen Moment. Aber er kam nicht, so sehr ich ihn herbeisehnte, diesen absoluten Moment ohne Erinnerung. Und dann kam der Tag, an dem all das von mir abfiel; die Wut, der Hass, die Angst. Als ich erfahren musste, dass meinem Sohn keine Gerechtigkeit zukommen wird, da konnte ich spüren, wie mich all diese Dinge der letzten Wochen regelrecht auffraßen. Sie zerrten an mir wie ein wildes Rudel hungriger Wölfe und ich verstand plötzlich, dass sie nichts von mir übrig lassen würden. Nichts. Sie würden mich auffressen, restlos und nicht mal mehr irgendwas von mir wieder ausspucken. Der Gedanke machte mir keine Angst aber er weckte meine Lebensgeister. Denk an deinen Weg – erinnerte mich eine Stimme – an den langen Weg, den du hinter dir hast. Ich hob meinen Kopf, der erschöpft mit dem Kinn auf meiner Brust gelegen hatte. Mein Weg? Ich hörte, wie trotzig ich klang und schwieg wieder. Ja dein Weg. Du hast so viel geschafft, durchgestanden, überlebt. Wirf das nicht weg!

Mein Schwert , hob ich einen leisen Versuch an und senkte wieder den Kopf. Ich würde es auch diesmal nicht bekommen, eigentlich wusste ich das. Welcher Kampf steht an – wurde sofort entgegnet. Ich holte tief Luft, setzte zum Reden an und schwieg. Ich schwieg und verstand.

Wie weit war allein der Weg, den ich gegangen war, um das Leben nicht mehr als Kampf anzusehen? Wie viele dunkle Nächte hab ich auf dem Schlachtfeld gestanden, allein, frierend, hoffnungslos. Wie viel Zeit meines Lebens hab ich in sinnlosen Kämpfen gelassen, ungelebt und nur verschenkt. Nur gekämpft um gekämpft zu haben… Es ist das eine, wenn jemand kommt und dein Leben zerstört. Das passiert ohne unser Wollen, gegen unseren Willen und wir sind machtlos, es zu verhindern. Es ist nicht fair, nicht gerecht, sicher nicht leicht. Aber es ist das andere, wenn du zulässt, dass es den Rest deines Lebens zerstört. Verdammt noch mal, diese Macht bekommt der Täter nicht von mir. Ich hab nicht überlebt um an einem kleinen schwarzen Kind zu zerbrechen. Ich muss nicht für oder um mein Recht kämpfen, nein, ich muss viel mehr die Kraft und den Mut aufbringen, mit erhobenem Kopf neben meinem Sohn zu stehen und sein Lachen suchen gehen. Das ist kein Trotz, kein Kapitulieren, sondern die Erinnerung an meine Stärke. Wo stand ich als dieses Fallbeil kam und meine heile Welt zerstörte? Wo stand ich? Hier, hier auf meinem Platz, in meiner Mitte. Ich war stark, ohne Angst aber voller Frieden und Zuversicht. Das war mein Platz, nein das ist mein Platz, immer noch. Und ich nehm den wieder ein, fordere ihn zurück. Ich lass mich nicht von meinem hart erarbeiteten Platz werfen, von niemanden!

Erinnert ihr euch, ich schrieb hier mal vor nicht allzu langer Zeit, dass ich nur noch eine Möglichkeit habe und mir gar keine andere Wahl mehr bleibt. An dem Punkt hab ich angefangen, zu verstehen. Verzeihen ist der einzige Weg, der von der Hölle wegführt. Ich hab Briefe geschrieben, an das Heim, an den Täter, an die Erzieherin, welche an jenem Abend auf mein Kind hätte aufpassen sollen. Hab geschrieben, was diese Tat an meinem Sohn mit mir gemacht hat und ich ihnen jetzt verzeihe. Ein paar Tage lagen die fertigen Briefe hier rum, dann hab ich sie genommen und verbrannt. Diese Menschen verdienen meine Aufmerksamkeit nicht. Sie haben längst vergessen, was passiert ist und nicht ein einziges Wort des Bedauerns für meinen Sohn gefunden. Kein einziges. Solche Menschen verdienen nicht mal meinen Hass, geschweige denn das Wissen, dass ich ihnen verzeihen konnte. Ihr werdet keine Macht über mich, meine Gedanken, Gefühle oder Zukunft haben. Nichts davon steht euch zu, nichts. Vielleicht werden wir nie vergessen, was ihr uns angetan habt aber euch, euch werden wir vergessen. Ich bin hier, auf meinem Platz und genau hier werde ich bleiben. Und mein kleines, lausiges Leben hat recht; ein Schwert brauch ich nicht. Es gibt Kämpfe, die man bis an die Zähne bewaffnet verliert. Einfach, weil man nicht vorbereitet war. Weil einen eine Wucht trifft, auf die einen nichts auf dieser Welt vorbereiten kann. Und dann hilft dir keine Waffe der Welt mehr. Dann hilft dir nur noch Gott oder das, woran auch immer du glaubst. Und ich, ich glaube, dass ich stark bin!

Bild von Valiphotos auf Pixabay 

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