27. September … am Ende doch versagt…

Bei mir hat das Verstehen eingesetzt und mit dem Verstehen kommen die Bilder. Nachdem der Anwalt uns klar gemacht hat, dass wir nichts tun können, obwohl mein Sohn nachweislich sexuell missbraucht wurde. Nichts und dieses Nichts reißt das größte Loch in mein blutendes Herz. Ich habe meinen Sohn, nachdem ich es mir wirklich nicht leicht gemacht habe, in fremde Hände gegeben. Damit er die Hilfe bekommt, die ich ihm nicht geben kann. Damit sein Bruder seine Aggressionen nicht mehr aushalten muss und damit er mir nichts mehr antun kann. Vielleicht auch, dass ich letztendlich nicht restlos an ihm versage. Es gab viele Gründe, ihn in ein Heim zu geben aber eines, eines habe ich sicher nie gewollt; dass man ihm dort weh tut. Ich wollte auch sein Bestes, so widersprüchlich das klingt und ich habe nicht umsonst genau geschaut, wohin er kommt.

Und doch, ich konnte nicht verhindern, dass ihm so grausames angetan wurde. Ich war nicht da, als er mich am meisten brauchte. Hab ich versagt? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass meine Zeit noch immer still steht und ich mir nichts sehnlicher wünsche auf dieser Welt als diesen einen Tag – wenige Stunden würden mir genügen – ändern zu können. Ich würde dem wiederholten Flehen meines Sohnes, ich solle ihn heim holen, endlich nachgeben und hinfahren, ihn ins Auto packen und mitnehmen und einfach verhindern, was dann passiert ist an jenem Abend. Aber ich kann es nicht. Ich kann nicht mal jemanden zur Rechenschaft ziehen oder Gerechtigkeit einfordern für meinen Sohn. Ich kann es nicht und das macht mich ganz krank. Es ist, als hätte man mir am 6. August ein Messer in den Rücken gejagt und dort steckt es seither. Niemand darf es anfassen, bitte nicht anfassen und bloß nicht raus ziehen! Aber seit ich weiß, es wird nichts, rein gar nichts getan oder passieren, als wäre nie etwas passiert und allein mein Sohn und ich tragen an dieser grauenhaften Tat überhaupt etwas davon, seither ist es, als würde mir jemand ständig dieses Messer im Rücken drehen. Der Schmerz hört nicht mehr auf und sobald es still wird kommen die Bilder in meine Gedanken. Inzwischen fällt es mir schwer, meinen Sohn anzusehen weil ich sofort weinen muss. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, viel zu groß ist die Angst davor, die Augen zu schließen…

Von all den Aufgaben ist das hier die schwerste. Etwas, das man aushalten muss ohne zu wissen, ob und wie es eigentlich derjenige aushält, den es am meisten betrifft; das ist als stehe man mit einem geliebten Menschen auf einem sinkenden Schiff und man weiß, dass der andere nicht schwimmen kann. Diese Hilflosigkeit, dieses nichts tun können, diese elendige Strafe, meinem eigenen Kind diese Last nicht abnehmen zu können, das ist so unsagbar schwer. Ich weiß, dass es unmöglich ist und doch fühlt es sich an wie Versagen. Warum kannst du es nicht, brüllt es mich an. Warum? Wenn man so viel weiter gehen will über seine eigenen Grenzen, bereit dazu ist aber es nicht kann weil einem das Leben selbst da in die Schranken weist – das ist so ungerecht. Warum kann ich nicht selbst entscheiden, wie weit ich gehen will? Warum machst du blödes Leben einfach weiter als wär nichts gewesen? Warum bleibst du nicht stehen und wartest auf mich, wann holst du mich ab? Warum zerstörst du, was ich liebe, wirfst mir die Reste vor die Füße und lässt mich damit allein? Warum forderst du so viel und gibst nichts zurück? Warum hasst du mich so sehr? Sag warum?

Bild von Peter H auf Pixabay 

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