23. September … verrückt, wenn dir keine Wahl mehr bleibt!

Wahrscheinlich ist das hier jetzt mehr für mich als für euch aber ich werde mal ein paar Dinge zusammen fassen.

11 Jahre bin ich nun Mutter, mal schlecht, mal recht. Ich habe immer mein Bestes gegeben, auch wenn ich bei Null anfangen musste und absolut keine Ahnung hatte, was da auf mich zu kommt. Mir war immer wichtig, für meine Kinder da zu sein, immer. Ihnen zu jeder Zeit in die Augen sehen zu können, ihnen für alles Schöne auf dieser Welt das Herz zu öffnen und sie mit nichts auf dieser Welt alleine zu lassen, was ihnen begegnet. Vielleicht, vielleicht war ich manches mal zu viel da. Und vielleicht hab ich aus meinen Jungs zwei kleine, etwas verwöhnte Jungs gemacht aber mein Glaube war immer sehr tief darin verankert, dass es zu viel Liebe nicht geben kann…

Wir haben sehr viele schöne Dinge erlebt in all den Jahren, auch wenn wir immer auch irgendwelche Baustellen hatten. Eine unserer größten war wohl der Weg zu meinem Großen; das, was seit seiner Geburt irgendwie immer unausgesprochen in der Luft hing, das wurde auf einem langen Weg gespickt von Therapeuten, Ärzten, Psychologen und vielen anderen Beteiligten irgendwann Gewissheit für uns. Heute haben wir nicht nur Namen für das Ganze, sondern auch Zahlen. Und die besagen, dass mein atypischer Autist 80 % Schwerbehindert ist und Pflegegrad 3 hat.

Nichts, rein gar nichts hat das für mich mit Blick auf meinen Sohn geändert. Es machte ihn nicht schlechter oder anders für mich. Ich wusste nur einfach endlich bescheid, warum er ist wie er ist. All meine Kraft, Energie, Zeit, letztendlich auch Geld legte ich in den Wunsch, ihm einen Weg durch diese Welt zu bahnen, den er aufrichtig gehen kann. So wie er ist. Und bei all dem Willen, den ich dafür aufbrachte habe ich eines irgendwann übersehen; Ich existierte nicht mehr. Es gab mich nicht mehr. Es gab nur noch die Mutter, die alles für ihre Söhne getan hat. Nichts, kein Augenblick davon, tut mir leid. Aber ich musste feststellen, wie falsch dieser Weg eigentlich war. Ich hatte nicht nur meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche immer hinten angestellt und oft auch einfach gestrichen, sondern auch manches mal die von meinem gesunden Sohn. Alles wurde hinter die Behinderung von meinem älteren Sohn gestellt, bedingungslos. Als ich im Gegenzug dafür nur noch Aggressionen und Ablehnung von ihm kassierte, da traf ich die wohl schwerste Entscheidung, welche ich bisher für und mit meinen Kindern treffen musste; ich gab meinen Großen in ein Wohnheim. Ich hatte mich noch gefragt, wen diese Handlung mehr zerstören wird, ihn oder mich und ich muss eingestehen; ich konnte diese Frage nie beantworten. In den letzten Wochen, bevor er ins Heim ist, hab ich so viele Pläne geschmiedet, Bewerbungen geschrieben, sogar von einer Ausbildung geträumt und mich informiert, ob es umsetzbar ist. Ich hatte angefangen, all das alte und teilweise kaputte Zeug, welches mein Sohn regelrecht über die Jahre gebunkert hat zu entsorgen und ich konnte förmlich spüren, wie befreiend das war. Endlich wieder etwas für mich selbst tun. Endlich wieder ausleben können, wer und was ich bin. Als platzte ein viel zu eng gewordenes Korsett und ich konnte endlich wieder atmen, nachdem ich bald erstickt wäre…

Ich hab diese leise Freude in mir über diese völlig neue Freiheit ganz still und heimlich ein wenig gefühlt; ich hab sie nie ausgelebt oder gefeiert. Immerhin hatte sie den faden Beigeschmack, dass dafür mein Großer nicht mehr bei mir war. Jeden Abend rief ich ihn an und jeden Abend bettelte er weinend darum, dass ich ihn heim hole. Das hat so weh getan im Herzen und abends schlief ich mit Tränen in den Augen ein weil ich wusste, dass er jetzt irgendwo liegt und weint. Eine Woche lang ging das so, eine Woche. Exakt eine Woche und dann kam dieser Anruf. 49 Tage ist dieser Anruf jetzt her und seither steht meine Zeit still. Hilfe hab ich gesucht und am Ende ist nichts dabei raus gekommen. Weder für mich noch für meinen Sohn. Inzwischen weiß ich von meinem Anwalt, was genau passiert ist und das wir keine Chance haben, irgendwem vor dem Gesetz eine Schuld zu geben. Niemand wird dafür bestraft, was meinem Sohn angetan wurde. Niemand. Als wäre es nie passiert. Als mein Anwalt mir das gestern am Telefon gesagt hat, da hab ich mir gleich noch einen Wodka eingeschenkt und auf dieses elendige Leben gesoffen, dass mir damit noch bleibt. Die ganze Nacht war ich wach, hab nicht groß nachgedacht aber meine Gedanken, die hab ich streunen lassen. Und als gegen Morgen das Gewitter aufzog und es zu donnern begann, da war mir klar; du hast nur noch eine Möglichkeit. Eine einzige. Du stehst mutterseelenallein in der Ecke, jeder Weg da raus abgeschnitten und bestehst nur noch aus Wut, Hass, Kaffee und Alkohol. Du hast nur noch eine Möglichkeit und als der Donner draußen sanft das Haus vibrieren ließ, da schloss ich für einen Moment die Augen. Das ist verrückt, dachte ich mir und dann lächelte ich. Ja, völlig verrückt aber alles, was du jetzt noch tun kannst. Der nächste Donner kam irgendwo krachend ziemlich nahe und ich zog nochmal die Bettdecke enger um mich. Ja, gab ich dem Donner recht, jaja, groll du nur. Ich werd es trotzdem tun, auch wenn es verrückt ist…

Bild von Free-Photos auf Pixabay 

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