12. August … sag doch, hast du das gewollt?

Mein liebes Leben, hast du mal kurz Zeit? Ich hab da ein paar Fragen.

Erinnerst du dich, wie ich dir getrotzt habe, wieder und wieder? Jahre meines Lebens hab ich damit verbracht, mich gegen dich zu stellen; gegen dich und deine oft sehr stürmische Art, mich irgendwo hin bringen zu wollen. Voran getrieben hast du mich oft, obwohl ich längst nicht mehr konnte und wollte. Vorwärts getrieben, oft schneller als mir lieb war und manches mal hast du mein „Ich kann nicht mehr“ ignoriert. Du hast einfach immer weiter gemacht, jeden Tag, obwohl große Teile meines Selbst längst tot waren. Oft war ich mir gar nicht im Klaren, was genau noch von mir lebt, wie viel das ist. Ist es das überhaupt noch wert? Ja hast du immer gerufen, jedes mal. Ja das ist es verdammt noch mal wert, steh wieder auf! Und ich bin dir wieder gefolgt, ohne zu wissen, woher ich überhaupt die Kraft dazu nahm. Durch die Hölle bin ich mit dir und hinten wieder raus; ich glaube, das war unser schlimmster Kampf. Die Dämonen, welche wir besiegt haben; der größte war ich selbst. Ich und meine Gedanken….

Erinnerst du dich, manchmal waren wir glücklich. Manchmal standen wir da, du hast mir den Arm um die Schulter gelegt und wir haben in die Ferne geschaut, ohne festes Ziel. Fast unsichtbar haben wir gelächelt, nur wir wussten, warum und wir versuchten, diese Momente wie Fotos für die Ewigkeit in uns drin festzuhalten. Wie oft wollte ich mich nicht mehr lösen von diesen so kostbaren Augenblicken…

Wie viele Abgründe haben wir gesehen? Sind gefallen, oft sehr tief, am Ende sind wir oft freiwillig gesprungen weil wir nicht mehr warten wollten bis wir ohnehin unweigerlich fallen werden. Wir sind einfach gesprungen, damit wir es hinter uns haben und endlich anfangen können, unsere Wunden zu lecken. Wie viele Narben unsere Seele hat, unser Herz und dieser eine Körper, dem wir zur Zeit inne wohnen! Wie viele es geworden sind, unerträglich viel. Und dann kam der Tag, da haben wir uns lange angesehen, nur du und ich, als existierte sonst nichts mehr auf dieser Welt und dann haben wir Frieden geschlossen. Kein Kampf mehr, hast du gesagt und ich gab dir mein Schwert. „Kann ich es im Notfall wieder…“ begann ich zögernd zu fragen und du hast mir das Wort abgeschnitten. „Es wird keinen Notfall geben, für den du ein Schwert brauchen wirst“ hast du erwidert und mich wissend angelächelt mit ausgestreckter Hand. Und so gab ich dir mein Schwert, das liebste, was ich bis dahin hatte. Beschützt und verteidigt hatte es mich auf meinem langen Weg und oft war sein Funkeln mein einziges Licht in der Dunkelheit. Ich gab es dir in meinem größten Vertrauen und seither hab ich es nie wieder in der Hand gehabt. Du gabst mir dafür ein erfülltes Leben; mit Höhen und Tiefen aber erfüllt und du hast Recht behalten; ein Schwert brauchte ich nicht mehr…

Und dann heilten wir meine Wunden, jede einzelne davon. Egal wie tief sie waren, wie alt und wie sehr sie noch immer schmerzten; wir gaben jeder davon ihren Namen und heilten sie, bis nur noch Narben blieben. Du hast nie aufgehört, manchmal eine davon zu berühren und anfangs schlug ich dir deswegen noch manches mal auf die Finger. Lass das! rief ich dann und sah dich böse an. Du hast immer gelächelt, auch dann…

Ich weiß nicht, was schief gegangen ist aber jetzt steh ich hier, mein liebes Leben und muss wieder ganz von vorne anfangen. Was ist passiert? Wann ist mir entgangen, wie zerbrechlich all das ist, was wir so mühsam über die Jahre aufgebaut haben? Was ist aus meinem Schweiß, meinem Blut, meinem Atem geworden und all dem Schmerz und Verzicht, den ich da reingesteckt habe? Sag warum hast du zugelassen, dass das alles zerstört wird? Es ist, als hielte ich mein zufriedenes Leben wie Sand in meinen ausgestreckten Händen und kann nicht verhindern, dass es mir durch die Finger davon rinnt. Ich kann nichts dagegen tun, seh dich hilflos an und du mich. Wo ist dein Lächeln, frag ich mich während du schweigst. Du hast das nicht gewollt, oder? Du hast nicht gewollt, dass das alles umsonst war, oder? Ich versuch, wenigstens ein paar der Sandkörner zu retten und schau immer verzweifelter zu dir. Am liebsten würde ich dich schütteln, dich sanft ins Gesicht tätscheln, nur um irgendwo eine Reaktion zu erfahren aber da ist dieser Sand, der letzte wertvolle Sand in meinen Händen und so halte ich sie weiter ausgestreckt von mir um zu retten, was zu retten ist. Die Dämonen sind wieder da, alle und sie tanzen um mich herum wie kleine bedrohende Flammen. Die Stille ist wieder unerträglich für mich geworden. Kaum wird es still ist es mir zu laut und jetzt ist es immer laut um mich herum, auch wenn ich versuche zu schlafen. Und dann ist da diese Wut, diese unbändige Wut und der Hass. Wie lang hab ich gegen Wut gekämpft und gegen diesen endlosen Hass in mir, wie lang. Hass, der so groß wurde irgendwann, dass ich selbst mich nur noch hasste. Und jetzt steh ich hier, mit ausgestreckten Händen, die immer schwerer werden und versuche, irgendeinen Teil von meinem liebgewordenen Leben zu retten, während meine Welt um mich herum zerbricht. Manchmal möchte ich schreien, ganz laut einfach nur schreien, doch ich weiß, wie sinnlos das ist. Die Wut wird wieder kommen, egal wie oft ich sie rausbrüllen werde. Manchmal schließ ich meine müden Augen für einen Moment und such die Hoffnung, dass alles von allein fort geht und nie passiert ist, wenn ich einfach nicht mehr hinsehe. Aber ich weiß, dass diese Hoffnung wertloser ist als der Glaube daran, dass alles wieder gut wird. Nichts wird wieder gut, nichts. Eine Träne rinnt mir über die Wange, eine einzige. Ich kann sie spüren, heiß läuft sie runter bis an mein Kinn und verweilt dort einen Moment. Ich beweg mich nicht, damit sie bleibt, solange sie nur bleiben kann, wage kaum zu atmen. Und dann macht es leise Blopp als sie mein Kinn loslässt und irgendwo unter mir aufschlägt. Du kannst loslassen, denke ich mir. Diese kleine Träne hat einfach losgelassen und ist gefallen. Ich atme tief ein, schlucke einmal kräftig und öffne meine Augen. Entschlossen schließe ich meine Hände um den kostbaren Sand. Ich werde loslassen, irgendwann. Diesen Schmerz, die Dämonen, diese Wut und erst recht den Hass. Ich werde loslassen wenn ich so weit bin und ich weiß, es wird ein sehr langer Weg. Und bevor ich ihn gehen kann werde ich in den wohl tiefsten Abgrund springen müssen, den ich je gesehen habe. Ich sammel die Wut und den Hass und nutze ihre Energie. Ich nutze sie, um mir zu sagen; du wirst tief fallen und vielleicht, vielleicht bleibt da unten in diesem dunklen tiefen Loch nicht mehr viel übrig von dir, wenn du unten aufschlägst. Aber ich werde diesen Sand hier noch haben und daraus, daraus werde ich wieder Leben machen, irgendwann. Vorsichtig lass ich den Sand in eine Hand rieseln und schließe sie ganz fest. Dann hol ich tief Luft, breite die Arme aus… Ich werde springen!

Bild von kerttu auf Pixabay 

4 Kommentare zu „12. August … sag doch, hast du das gewollt?

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