7. September … wie viel Abgrund lebt in dir?

„Reden hilft!“ sag ich immer. Reden hilft, aber was, wenn einem keiner zuhört? Was, wenn man deine Wut und Entgleisung als schlechtes Benehmen wertet und nicht begreift, wie viel in dir damit tatsächlich um Hilfe ruft? Was, wenn ein Großteil der Menschen um dich herum vorsichtshalber erst gar nicht mehr auftaucht, um dein Leid nicht mehr ertragen zu müssen? Was, wenn jeder um dich herum denkt, es geht dir doch gut; immerhin machst du doch weiter und liegst nicht weinend am Boden…

Nächste Woche hab ich endlich einen Termin bei einem Psychologen. Ich hab ja das, was meinem Sohn im Wohnheim widerfahren ist, sorgfältig verpackt und mehrfach verschnürt und jetzt steht da dieses Paket, an welches ich ohne fachmännischen Beistand erst gar nicht dran geh. Seit einem Monat steht es jetzt da, im Weg. Ich stolper drüber, verfluche es, schreie es an, schweige trotzig davor sitzend wie ein kleines Kind… Ich hab riesen Respekt, es zu öffnen, wenn es soweit ist . Es zu öffnen und in diesen Abgrund zu sehen. Und ich spüre jetzt schon, wie tief und dunkel dieser Abgrund ist und zum ersten mal hab ich nicht allein das Verlangen, einfach in diesen Abgrund zu springen und unten zu bleiben, sondern ich weiß, wie schwer – fast unmöglich scheint es mir – es sein wird, da auch nur annähernd wieder raus zu kommen…

Gedanklich bin ich jeden Weg gegangen, was den Täter betrifft. Jeden. Von abartiger Rache bis hin zur Vergebung. Ich bin in meinen Gedanken jeden Weg gegangen. Und wenn ich geglaubt habe, ich hatte mal Abgründe in mir selbst, dann weiß ich jetzt; das waren bedeutungslose Mulden im Sandkasten spielender Kinder. Das, was ich in mir selbst gefunden habe, während ich gedanklich den Täter zerlegt habe, DAS sind Abgründe. Unglaublich, was der Mensch immer wieder an Kraft aufbringen kann, wenn er in Situationen gerät, die nicht normal sind. Unbändige Kraft kann man da entwickeln aber auch unbändige Wut…

Bild von SnapwireSnaps auf Pixabay 

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