31. August … Dämonen sterben nie!

Fast mein ganzes Leben lang haben mich zwei Dinge am Leben gehalten; mein Wille, hier zu sein und das Schreiben. Ich habe noch nie groß über mich selbst gesprochen, da stecken wohl die Autisten Züge auch in mir – irgendwo muss es mein Sohn ja her haben. Ich kann viel reden, sehr viel aber ich rede selten über mich, meine Gefühle, was mich bewegt, wo es weh tut… Schreiben ist da etwas ganz anders, manchmal fasst mein Kopf dabei die Dinge schneller zusammen, als ich sie schreiben kann und vieles geht wieder verloren. Aber es hat mich immer am Leben gehalten, meine Tagebücher zu füllen, Seite um Seite in meine kleinen Bücher Gedichte auf diese Welt zu bringen und oft, wenn es am meisten weh tat in mir drin, sind einfach ein paar Zeilen entstanden die oft die größten Einblicke in mein Selbst gaben…

Vor zehn Jahren hab ich angefangen, um Hilfe zu suchen. Damals fand ich sie in einer Beratungsstelle, glaubte ich zumindest. Ich kannte die Dame von einem Kurs, den ich bei ihr belegt hatte und wir waren längst per du. Ich rief sie an und schilderte ihr mein damals aktuellstes Leid und sie wurde ganz still am Telefon. Dann konnte ich sie seufzen hören und es folgten die Worte: … dass du noch lebst!

Hilfreich war diese Antwort nicht wirklich. Da schilderst du deinem Gegenüber, welches ohnehin schon viel zu viel von dir und deinem etwas verkorksten Leben weiß, deine größte Not und alles was kommt ist die verwunderte Feststellung, dass man noch lebt? Das war übrigens der Zeitpunkt, an dem ich beschlossen hatte, stark zu werden. Stark genug, auch solche Antworten zu überstehen, selbst wenn ich am Boden lieg. Ich hab es auch nicht aufgegeben, mir Hilfe zu suchen. Vielleicht findet man nicht immer das, was man eigentlich gesucht hat aber wenn man am Ende Hilfe bekommt die einen weiter bringt, dann war es nicht umsonst. Und wenn es am Ende nur die Tatsache war, dass man nicht völlig allein mit seinem Problem war….

Ich hab also meine Strategien, am Leben zu bleiben. Gute Strategien, wie sich immer mal wieder raus stellt. Vielleicht ist mein tot geglaubter Dämon wieder da, der nach mir ruft und diese unstillbare Sehnsucht nach dem Sterben wieder in mir aufleben lässt, ja vielleicht ist er wieder da. Sitzt nachts in der Ecke und starrt mich lüstern an, schweigt. Er schweigt noch und tagsüber verzieht er sich aber ich denke, er wird wieder hartnäckig werden und eine Weile bleiben. Nichts, aber auch gar nichts auf dieser Welt ist für immer. Weder die Liebe, noch das Glück und auch nicht die Dunkelheit. Alles vergeht irgendwann, auch schlafende Dämonen und dann werden sie wieder wach…

Inzwischen ist der Brief vom Krankenhaus endlich da. Mein Sohn wurde ja Anfang August dort untersucht nach dem Vorfall in dem Wohnheim. Auch die Akte haben wir endlich bekommen, ich muss die Tage einen Termin mit meinem Anwalt vereinbaren. Es spaltet mich innerlich. Ich will nichts davon wissen, mir wird schlagartig schlecht wenn ich auch nur daran denke, was meinem Sohn angetan wurde. Auf der anderen Seite werde ich alles dafür tun, dass wir so etwas wie Gerechtigkeit bekommen. Und wenn es nur ist, dass möglichst viele Menschen erfahren werden, was passieren kann und scheinbar als relativ „normal“ eingestuft werden kann, wenn man das Beste für sein Kind will. Ich werd nicht eher ruhen, bis ich alles versucht hab. Was sind da Dämonen, wenn es um mein Kind geht. Ich weck sie alle, wenn es sein muss. Ich weck sie alle und lass sie aufstehen; alles hat seinen Preis. Ich zahl jeden im Moment, jeden. Und ich fürchte keinen davon, nicht einen. Ich kenn den Weg durch die Hölle und ich bring euch Dämonen alle dorthin zurück. Ich bring euch zurück, wenn ich mit euch fertig bin. Ich bring euch nach Haus, wir gehen heim. Nichts ist tot, nur weil es fort ist, nichts. Etwas wird immer bleiben und manchmal, manchmal legt sich nur schlafen was vor unseren Augen starb. Und was sich schlafen legt wird irgendwann wieder wach…

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Bild von Bernd Schray auf Pixabay

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