13. August … sag, wie oft kann man sterben?

Heute endlich mit einem Anwalt gesprochen. Von einer Beratungsstelle haben wir einen Gutschein zur Erstberatung bekommen. Deswegen hat es wohl ein wenig gedauert, bis der Anwalt, der mit dieser Organisation zusammen arbeitet, Zeit für uns gefunden hat. Dieses Corona bringt aber auch alles durcheinander, selbst Anwälte sind völlig überlaufen…

Mir hat noch niemand Hoffnung gemacht, irgendwas rechtlich zu erreichen, was meinen Sohn betrifft. Alles, was vielleicht machbar ist, wäre auf die Aufsichtspflicht der Erzieherin zu gehen. Dass sie diese vielleicht verletzt hat. Aber was bringt das? Nichts. Es macht nichts ungeschehen. Es wird die Bilder nicht verhindern, die meinen Kopf irgendwann erreichen werden. Dieser Kampf jede Nacht, damit ich nicht nachdenken muss. Die Augen irgendwann so sehr weh tun und brennen und der Verstand endlich viel zu müde ist und nur noch still werden will. Und ich dann von einer Sekunde auf die andere einschlafen kann, gefahrlos, ohne jeglichen Gedanken im Kopf. Seit einer Woche schlafe ich nur jede zweite Nacht, damit ich müde genug bin. Zehn Jahre meines Lebens hab ich in der Gastronomie gebuckelt, nur damit möglichst nur drei, vier, vielleicht fünf Stunden zum Schlafen übrig blieben. Jahrelang hab ich mich tagsüber mit Arbeit betäubt, um nachts sofort schlafen zu können, sobald meine Wange das Kissen berührt. Nur nicht nachdenken, bloß keine Stille, nicht dieser Schmerz tief im Herz, der so bestialisch weh tut und mich von innen her auffrisst. Zehn Jahre lang quälte mich Nacht für Nacht der Tod meiner Kinder. Und jetzt? Jetzt steh ich exakt am gleichen Punkt, wieder vor diesem Abgrund ohne Boden. Wieder bereit zu springen. Wieder hoffend auf die Befreiung von diesem Schmerz…

Ich weiß, dass ich dieses mal, sollte ich in diesen Abgrund springen, nicht mehr da raus kommen werde. Nicht weil die Kraft fehlt oder weil es tiefer ist als je zuvor – beides würde zwar zur Genüge zutreffen – aber diesen einen Abgrund werde ich nicht bezwingen. Nicht diesen. Die größte Angst meines Lebens; das, was ich am meisten gefürchtet hab auf dieser Welt. Ich werd es nicht bezwingen. Im Moment hab ich nur zwei Möglichkeiten; die Tatsachen weiter von mir fernhalten, bloß keine Details, keine Fakten, keine Bilder im Kopf… Oder daran zerbrechen, dass es da draußen ein Kind gibt, welches meinen Sohn beschmutzt hat. Ich habe nie geglaubt, jemals wieder so viel Hass in mir spüren zu können. Ich dachte, das hab ich hinter mir und dann kommt da ein wildfremdes Kind und wirft mich um Jahre zurück, vielleicht mein ganzes Leben. Und DAS ist nur mein Schaden, den von meinem Kind kann ich nur erahnen und genau daran geh ich kaputt. Ich geh daran kaputt, dass es scheinbar einfach geduldet wird, dass solche Dinge passieren und man keine Rechte hat, sich da irgendwie Gerechtigkeit zu holen, Strafe einzufordern oder wenigstens die Wahrheit auf den Tisch zu bringen. Wie können Menschen nachts schlafen, während sie sich öffentlich die Dinge so schön reden, wie sie diese brauchen? Um ihren Ruf nicht zu verlieren, ihren Job oder einfach nur, um ihr Gesicht zu wahren? Wie kann es sein, dass man mal eben das Leben einer Familie zerstört und dann einfach weiter machen darf, als wäre nichts gewesen? Meine Zeit steht still, sie steht einfach still. Jedes mal wenn das Telefon klingelt, dann ist es Donnerstag, 22 Uhr und ich will mich weigern, an dieses verdammte Telefon zu gehen. Ich will nicht hören, was passiert ist. Ich will glauben dass es nie passiert ist, wenn ich es nicht annehme. Ich will, dass diese Schreie in meinem Kopf aufhören, Schreie von meinem Sohn. Heute war er paar Stunden bei seiner Schulbegleitung und ich saß wieder mal gedankenverloren in meiner Wohnung und plötzlich hörte ich ihn rufen: „Lass das. Mama, mach dass es aufhört…“ Und ich schrecke auf, muss nach meinem Kind sehen, haste durch die Wohnung bis mir klar wird; er ist gar nicht da. Er ist gut aufgehoben bei seiner Schulbegleitung, einer Seele von Mensch. Es geht ihm gut! Er braucht keine Hilfe, nicht jetzt, jetzt nicht mehr. Du hast versagt…

Ich war nicht da, als er Hilfe brauchte und genau das dürfte der Punkt werden, an dem ich Scheitern werde. Ich hab ihn zum ersten mal in seinem Leben alleine gelassen. Ich hab Menschen vertraut, die ich nicht mal kenne. Ich habe geglaubt, ihm geht es dort gut und jetzt, jetzt bin ich schlauer. Jetzt muss ich wieder lernen, die Stille zu ertragen und einen Weg finden, um zu erfahren, wie es meinem Sohn wirklich geht. So vieles hab ich in diesem Leben geschafft; stehen bleiben, aufrecht stehen bleiben, immer. Den Schmerz ertragen, aushalten, mit ihm leben lernen. Allein sein, in der Stille, mit mir selbst. Mich lieben können, dürfen, so wie ich bin, mit all meinen Fehlern. Vertrauen, in mich selbst, diese Welt, Menschen. Egal, was mir begegnet ist, ich habe es irgendwann angenommen und gelernt. Egal wie schwer es war, manchmal aussichtslos, oft verbunden mit so viel Schmerz. Immer wieder hab ich es angenommen, bis ich es gelernt hatte. Und jetzt? Jetzt scheint mir, als wäre es mir nicht mehr möglich, irgendwas davon zu verstehen, auszuhalten, anzunehmen. All die Dinge, mit denen ich mich gefüllt habe, sind fort. Ich bin wieder so leer wie an dem Tag, an dem ich sterben wollte. Nur dass ich dieses mal weiß, dass ich nicht sterben kann. Ich kann es nicht weil ich noch zwei Menschen hier hab, die mich brauchen. Aber diese Leere in mir ist unerträglich und ich weiß, sie wird mich auffressen. Ich fürchte mich nicht aber ich weiß, dass nicht viel übrig bleiben wird von mir. Es wird nichts übrig bleiben dieses mal…

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Bild von My pictures are CC0. When doing composings: auf Pixabay

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