7. August … WARUM?

Wie oft hab ich mich gefragt; wo ist Gott, wenn die schlimmsten Dinge passieren? Wo ist er, warum schaut er weg, wieso lässt er grausamste Dinge zu? Und vor allem – und diese Frage wurde über die Jahre immer lauter in mir; warum glauben so viele Menschen an etwas, das scheinbar viel zu selten alles gut gehen lässt? Wo ist Gott, wenn Menschen verhungern, unter übelsten Umständen krepieren, Kinder leiden, gar misshandelt oder missbraucht werden? Wo ist euer Gott, wenn tiefstes Unrecht geschieht?

Ich wollte versuchen, hier jetzt sachlich zu bleiben aber zum ersten mal seit sehr langer Zeit fühle ich unbändige Wut in mir drin und ich weiß nicht, wohin damit. In die Nacht will ich sie am liebsten brüllen, in die Dunkelheit, in diese trostlose Finsternis und ich weiß; es wird mir nichts bringen. Es wird mich wieder niemand hören, auch nicht euer Gott…

Mein Sohn war noch im Kindergarten, als das erste mal der Rat kam, ihn ins Heim zu tun. Inzwischen ist er 11 Jahre alt und ich kann gar nicht sagen, welche Teile in mir zerbrochen sind, als ich ihn genau vor einer Woche in einem Wohnheim in Obhut gab. Es tat so weh, so unsagbar weh und ich wusste; mir steht das noch nicht mal zu, dieser Schmerz. Ihm, meinem Kind, musste es doch grade viel schlimmer gehen als mir. Jeden Abend hab ich ihn angerufen und jedes mal hatte ich einen anderen fremden Menschen am Telefon, der sich grade um mein Kind kümmerte. Eine ganze Woche hab ich stumm gelitten, versucht, sein Flehen, ihn nach Hause zu holen, zu ignorieren. Was ging da alles kaputt…

Ich hatte wieder mit meinem Sohn telefoniert, exakt eine Woche nachdem er ins Heim ging. Er weinte wieder, wollte Heim, bat mich, ihn zu holen. Hart bleiben sollte ich, wir müssten da durch. Um 21 Uhr ging ich dann ins Bett, war müde, erschöpft, irgendwie seit einer Woche nicht mehr ganz… Um 22 Uhr klingelt das Telefon. Etwas ganz schlimmes war passiert, die Polizei war im Heim, mein Sohn wurde in ein Krankenhaus gebracht. Ich kann und will hier nicht öffentlich breittreten, was passiert ist, allein schon aus Respekt vor meinem Sohn. Aber es ist was furchtbares passiert und ich habe gegen den Rat aller Beteiligten meinen Sohn aus dem Krankenhaus nach Hause geholt. Ich kann nicht mehr schlafen, solange er dort bleiben muss. Ich kann das, was passiert ist, als Gedanken nicht mal zu Ende denken; ich kann es nicht. Es ist 2.25 Uhr nachts, ich bin so müde und erschöpft aber sobald ich meinen Kopf niederlege, kommen die Gedanken und ich kann grade mit keinem Einzigen davon umgehen.

Ich glaube, dass wir letztendlich auch das irgendwie überstehen werden, auch wenn ich nicht den blassesten Schimmer habe, wie. Ich glaube an mich, an meine Ewigkeit, an meine endlose Kraft die ich immer wieder irgendwo aufbringe. DAS ist mein Glaube, der mich immer wieder stark macht; der Glaube an mich selbst. Und jedes mal, wenn jemand nach mir tritt, nach meiner Würde, meinem Recht, meine einfache Existenz; jedesmal gehe ich gestärkter daraus hervor als ich rein gegangen bin. Wir werden auch das überdauern und ich wünsche mir so sehr, dass auch mein Sohn daran irgendwann wachsen kann und nicht zerbrechen wird. Ich bring ihn da durch, zur Not werd ich ihn auch mal ein Stück tragen. Aber eines, nein zwei Dinge weiß ich jetzt gewiss. Er ist nirgendwo besser aufgehoben als bei mir, bei seiner Mama. Und ich werde Gerechtigkeit für ihn einfordern, egal wie weit ich dafür gehen muss. Und wenn ich dafür kämpfen muss, ich werde nicht zögern und es tun.

Ich soll den Glauben an das System nicht verlieren und ich soll mir keine Vorwürfe machen. Danke für den Rat. Vielen Dank. Ich geb den Schuldigen auch einen; ich spucke auf euer System. Ich spucke drauf, auch wenn ich das noch nie getan habe. Und dann werde ich dafür sorgen, dass jeder, der Mitschuld trägt, diese zugesprochen bekommt. Ich werd sie euch einmeisseln in eure hohlen Köpfe, damit ihr mich und meinen Sohn nie vergesst. Ich werde dafür sorgen, dass ihr den Rest eures Lebens leidet so wie wir….

Jahre meines Lebens wirft mich diese Wut grade zurück. Jahre! Aber das steht mir nicht zu, irgendwas zu bedauern, was nur mich betrifft. Es steht mir nicht zu. Ich will, dass mein Sohn da heil wieder raus kommt, so heil es jetzt noch geht. Und falls es da draußen einen Gott gibt und er gelegentlich seinen Schäfchen zuhört; sieh zu, dass mir der Täter nie unter die Augen kommt. Nie! Du hast keine Ahnung, was du da zerstört hast. Das ist unser Problem. Deines ist, dass du keine Ahnung hattest, wem du das antust. Meinem Sohn sicher nicht unbestraft…

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Bild von Robert Karkowski auf Pixabay

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