23. Juli … wenn Starke schwach werden…

Fragt ihr euch auch manchmal, wer ihr eigentlich seid? Wer wollte man sein, während man innerlich gestorben ist und wer glaubtest du, zu sein? Was in dir hat überlebt und wie viel von dir selbst ging drauf, während du dagestanden hast, gekämpft hast, geblutet, verloren… Wer bin ich, wer und was davon ist zu retten? Was wird bleiben, überdauern, mich am Leben halten? Welcher Funke wird es sein, der überlebt und aus dem ich wieder Feuer machen werde? Welcher…

Ich wollt mal stark sein. Als ich am Boden lag, mit unzähligen Wunden und blutendem Herz. Während ich meinen Herzschlag zählte und versuchte, wenigstens den Schmerz in mir noch zu fühlen, da wollte ich stark werden. Groß und stark. Niemand sollte mich jemals wieder verletzen, nichts sollte jemals wieder weh tun, nichts. Vor allem nicht mein Herz…

Wie oft hab ich meine Wunden hingehalten: Hier, hier tut es weh. Schlag noch mal zu, ist eh schon egal. Stich noch mal rein, da geht noch was. Alles, nur keine neuen Wunden schlagen, nicht noch tiefer ins Fleisch, nicht noch weniger heile Haut. Wie oft hab ich geglaubt, der nächste Schlag bringt mich endlich um, der macht mich fertig, das wird der letzte sein. Und dann war es doch nur wieder neuer Schmerz, tiefer und grausamer als der davor und das Bewusstsein blieb, das Herz schlug weiter, der Kopf folterte einen Tag um den anderen meine Gedanken. Was hab ich Erlösung gesucht und fand nur Schmerz. Was wollte ich heim und verlor mich nur noch mehr. Was wollte ich sterben und musste doch leben, immer weiter leben…

Als ich am schwächsten war wollte ich stark werden und ich wurde es. Ich wurde stärker als meine größte Angst, mein wundester Punkt und mein größter Feind; ich selbst. Ich wuchs an jeder meiner Wunden und jeder noch so kleine Moment, der mich verletzen wollte, machte mich stärker. Jeder Mensch auf meinem Weg, der mir schlechtes wollte, ließ mich wachsen, jeder Verlust, jede Wut, jede Niederlage. Ich wurde stark, stark genug um immer stehen bleiben zu können, nie zu fallen, alles auszuhalten. So lange und so viel, bis ich irgendwann übersehen habe, dass es lange nicht mehr gut war. Ich blieb stehen weil ich stehen bleiben musste. Ich hatte keine Wahl mehr, ich hatte überhaupt keine andere Wahl mehr als immer weiter stark zu sein und alles auszuhalten. Jetzt, jetzt wo nach und nach diese Last von mir genommen wird, die in den letzten Jahren mein Leben geworden ist, jetzt merke ich; es bringt dir nichts, unendlich stark zu werden. Es bringt dir nichts, außer die Tatsache, dass man von dir immer nur erwartet, stehen zu bleiben. Man erwartet, dass du stark bleibst, das du das aushältst, dass du immer weiter gehst. Lass sie,die macht das schon, die kann das, die geht weiter. Niemand achtet drauf, ob du überhaupt noch kannst oder willst. Niemand schaut, was du überhaupt trägst, wie schwer das geworden ist, ob man das als Mensch überhaupt noch tragen kann. Alles selbstverständlich geworden und letztendlich ist man selbst schuld, dass es so weit kam. Man wollte halt stark sein…

Es ist egal, worum es hier grade geht. Um Menschen, die ihr Geschäft, ihren Betrieb, ihre Familie aufrecht erhalten. Die jemanden pflegen, vielleicht sogar von allem etwas durchleben und aushalten. Tatsache ist, dass man so sehr abstumpft und vieles auf der Strecke bleibt. Verständnis, Interesse, Mitgefühl, Hilfe… Ich habe besonders durch meine Kinder gelernt, um Hilfe zu bitten. Ich kann das und hab es auch immer mal wieder gemacht. Aber was ich am meisten gelernt habe; starke Menschen werden immer darum bitten müssen. Und wenn sie Pech haben, dann müssen sie anderen erst mal klar machen, dass jetzt stark sein nicht mehr reicht! Dass sie jetzt Hilfe brauchen, jetzt und nicht irgendwann. Nicht noch eine Weile aushalten. Weil sie so lange stark waren und irgendwann so tief drin steckten, dass ihnen selbst die Zeit dafür fehlte, um Hilfe zu rufen. Und niemand hat sie ertrinken sehen in ihrer Arbeit, ihrem Alltag, ihrer Aufgabe. Niemand hat sie ertrinken sehen weil das ja einer von den starken war, der alles schafft.

Ich wünsche mir, dass wir niemanden aus den Augen lassen. Die Schwachen sowieso nicht. Aber auch nicht die Starken, nicht die Kleinen, nicht die Großen, nicht die Armen, niemanden. Wir sollten von Zeit zu Zeit jeden mal fragen, wie es ihm geht, wie es ihm wirklich geht und ob denn wirklich noch alles in Ordnung ist. Manche Menschen kämpfen verdammt lange, während sie innerlich längst sterben. Es ist, als würden sie in einem Boot sitzen, welches langsam sinkt und sie rudern weiter und weiter mit dem festen Glauben, dass sie stärker sind. Wie immer. Dass sie nicht untergehen werden, sie schaffen das. Aber sie werden untergehen, wenn sie weiter stur kämpfen, glauben, stark sind. Und wisst ihr was? Manche können gar nicht anders. Also schaut hin und wieder, ob alle um euch rum noch in einem intakten Boot sitzen und rudern. Und wenn nicht, dann holt sie da raus. Denn manche können nicht mal schwimmen…

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Bild von Piero Di Maria auf Pixabay

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