4. Juli … behalt das Leben lieb!

Während meiner Schulzeit hab ich mal eine Lektüre gelesen, in der es um einen kleinen Jungen ging, der bei einem Fahrradunfall unglücklich in einer Mistgabel landet und sein Augenlicht verliert. „Behalt das Leben lieb“ hieß das kleine Buch und manches mal kommt mir dieser Satz in den Sinn- behalt das Leben lieb!

Ist es nicht manchmal schwer, es zu tun? Sein Leben zu lieben, immer? Egal, was grade geschieht, wie tief es mal wieder bergab geht oder wie weh es in einem drin gerade tut? Ich hab vieles durch, vor allem in meinen jungen Jahren. Manchmal verletzte ich mich selbst, nur um irgendwas zu fühlen oder um den körperlichen Schmerz größer werden zu lassen als den seelischen. Es war für mich immer erträglicher, wenn der Körper weh tat. Das war allemal besser als die Seele oder gar das Herz! Heute, heut geht mein Herz kaputt und meine Seele leidet weil mein Körper geschlagen wird…

Inzwischen fast täglich verletzt mich mein Sohn. Heute hat er mich mit einer kleinen, zusammen klappbaren Sackkarre verdroschen. Der ganze Oberschenkel ist blau, violett und grün. Am Donnerstag hat er mit dem Werkzeugkasten aus Metall zugeschlagen, meinen Ellbogen damit getroffen. Immer noch schmerzt jede Bewegung. Es tut weh, manchmal furchtbar weh aber viel schlimmer ist der Schmerz in mir drin. Da geht was kaputt und ich kann nichts dagegen tun. Bei jedem Schlag stirbt irgendwas in mir und ich versuche inzwischen nur noch, den letzten Rest am Leben zu halten für danach. Ganz wie früher….

Ich schau in die Zukunft und versuche, dort Freude und Frieden zu finden. Bald werd ich wieder arbeiten gehen können. Ohne zu überlegen irgendwo hingehen können. Eine ganz neue Freiheit nach den Jahren mit meinem behinderten Sohn. Und mit jedem Tag, der vergeht, kommt immer mehr Freude auf in mir. Freude, dass ich die Misshandlungen meines Sohnes bald hinter mir habe und dann wieder mein Leben führen kann ohne Angst haben zu müssen, dass was schlimmeres passiert. Ich freue mich auf die Zeit ohne ihn und vielleicht ist das gerade mein größter Schmerz; wie kann man sich bloß darauf freuen? Diese Gedanken zerreißen mich und noch, noch versuche ich, all meine Stücke beisammen zu halten. Ganz zu bleiben, nicht wieder zu zerbrechen…

Ich weiß nicht, wann wir die Grenze überschritten haben; diese eine, welche ich mir einst gesetzt habe. Wie lange ich verantworten werde, was mein Sohn macht. Beim ersten Schlag von ihm brach mein Herz und danach, danach weinte es jedes mal. Es hoffte eine Zeit lang, er würde umdrehen, zurück gehen hinter diese Grenze und alles würde wieder gut werden. Aber es wird nicht mehr gut, es wird nur schlimmer. Und es wird jetzt dann schneller gehen als uns allen lieb ist und dann ist er fort. Raus gerissen aus meiner kleinen Familie weil es einfach nicht mehr anders geht. Wie ein Pflaster, welches man weg reißt, kurz und schmerzlos. Mein Herz wankt bei dem Gedanken aber ich werd stehen bleiben. Nein, nicht stehen bleiben, ich werd weiter gehen, aufrecht. Auch wenn man mir prophezeit, dass ich erst mal zusammen breche, wenn er erst mal fort ist. Nein, das werde ich nicht. Ich werde mir auch keine Vorwürfe oder dergleichen machen. Ich werde aufrecht weiter gehen und auch das überstehen. Mit meinem alten Mut und neuer Hoffnung und dem reinen Gewissen im Herzen; ich hab es versucht! Weit länger versucht als vielleicht gut war…

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Bild von enriquelopezgarre auf Pixabay

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