3. Juni … reden hilft!

Unglaublich, wie viele Menschen da draußen mit unendlich viel Schmerz in sich rumlaufen. Manche sagen „Wow, dass du einfach so über alles reden kannst!“. Ja, kann ich aber ich musste es lernen. Ich musste lernen, dass es Dinge gibt, die einen innerlich zerreißen. Sie höhlen einen aus, bis man leer ist. Sie nehmen einem alles, was einem lieb ist; deine Seele, dein Herz, manchmal sogar den Verstand. Manche Dinge verschlingen einen, am Stück, unzerkaut. Und dann spucken sie einen wieder aus, zumindest das, was von einem übrig ist. Und da steht man dann, nackt, frierend, weinend und versucht, zu stehen. Sich aufzurichten, irgendwie. Sich festhalten, irgendwo. Wieder geradeaus gehen können, irgendwann. Aber man steht einfach nur da, wie gelähmt und versucht zu verstehen. Zu verstehen, was passiert ist und zu begreifen, dass es wahr ist. Irgendwas war passiert. Irgendwas hat einem das Herz aus der Brust gerissen und dieses klaffende Loch an seiner Stelle brüllt vor Schmerz. Es brüllt und man hält es fest, so fest. Als könnte man den Schmerz stillen, das Blut stoppen, irgendwas ungeschehen machen…

Und da steht man nun, das Blut tropft einem an den Fingern herab. Der Schmerz raubt einem die letzten menschlichen Züge aus dem Gesicht und man versucht, irgendwie stehen zu bleiben. Irgendwie, wankend aber stehend. Und all diese Menschen um uns herum, sie eilen, hasten, laufen an uns vorbei. So wie immer, als wär nichts gewesen. Warum bleiben sie nicht stehen? Warum sehen sie nicht unser Leid? Warum hilft keiner? Wir pressen weiter unsere Hände auf dieses blutende Loch und schweigen. Wir schweigen, weil wir niemanden damit belästigen wollen. Weil wir vielleicht all diesen Schmerz erst wahr machen, ungeschehen, wenn wir es aussprechen. Weil uns die Worte fehlen, irgendwem irgendwie zu sagen, wie sehr es weh tut, wie sehr… Wir schweigen weil wir selbst noch nicht wissen, wie man damit umgeht, damit spricht, darum weint…

Jahre meines Lebens hab ich mich gefragt, warum mich nie jemand auf meinen größten Schmerz in meinem bisherigen Leben angesprochen hat. Selbst jene nicht, die von Anfang an davon wussten. Dabei waren. Mich daran zugrunde gehen sahen. Niemand wollte je wissen, wie es mir damit geht, dass meine Zwillinge nicht leben. Und dieses Schweigen machte das Loch, in welches ich durch ihren Tod gefallen bin, noch tiefer, noch kälter, noch dunkler. Und dieses Loch hat mich immer weiter von den Menschen entfernt, die davon wussten und mich hätten fragen können. Ich, ich hab nie etwas gesagt, wollte nicht zur Last fallen, keinen nerven. Aber darüber geredet, das hätte ich gern…

Irgendwann fasste ich Mut und erzählte es jemandem. Seine Reaktion darauf war, dass er sich erst mal eine Pizza bestellte. Das warf mich um Jahre zurück, genauer gesagt warf es mich zurück in dieses dunkle, tiefe Loch, aus dem ich grade erst gekrochen war. Und ich schaufelte es in meiner Verzweiflung noch tiefer. Ich wollte nicht, dass nochmal jemand an diesen Schmerz dran kommt. Niemand sollte da noch mal hinfassen, niemand…

Nach zehn Jahren war das Loch so tief, dunkel und kalt, dass ich selbst nicht mehr wusste, wo ich mich darin eigentlich befand. Zu weit unten, das wusste ich, mehr nicht. Ich hatte aufgehört, daran zu glauben, jemals wieder da rauszukommen, also beschloss ich, da unten zu sterben. Jetzt. Ich wollte nicht mehr leiden. Gerettet hat mich im letzten Moment ein Mensch, ein Fremder; er wollte wissen, wie es mir geht. Eine simple Frage, gestellt im richtigen Moment. Ich sagte ihm, wie es mir geht und noch viel mehr. Ich zeigte ihm das Loch in meiner Brust und ließ ihn wissen, woher es kam. Wie viel Blut ich verloren hatte, wie viel Schmerz mich das gekostet hat. Es hat mir das Leben gerettet. Die Tatsache, mit jemandem zu reden über all das, was mich innerlich zerstört hatte. Wenn uns etwas heilt, dann ist es die einfache Entscheidung, über das zu reden, was uns kaputt macht. Und wenn keiner danach fragt, dann sollten wir das vielleicht selbst in die Hand nehmen. Selbst zu jemandem hingehen und ihm sagen; hier, schau hier, hier tut es furchtbar weh! Niemand, egal wem wir uns anvertrauen, wird uns diesen Schmerz nehmen können, uns unser Herz zurück geben können oder irgendwas ungeschehen machen. Niemand. Aber der Schmerz halbiert sich in dem Moment, wo wir ihn teilen. Und eines müssen wir vielleicht verstehen; wenn schreckliche Dinge passieren, dann müssen nicht nur die lernen, damit umzugehen, denen es passiert ist, sondern auch das ganze Umfeld. Wenn uns schlimmes widerfährt, dann sind nicht nur wir damit überfordert, sondern auch alle um uns rum. Denn sie wissen auch nicht, was sie tun sollen. Aber wir, wir können lernen ihnen zu sagen; red mit mir, denn reden hilft!

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Bild von Annette Meyer auf Pixabay

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