2. Juni … und du willst wissen, dass ich dumm bin…

Manche Menschen verwechseln Intelligenz mit Wissen. Der kleine aber feine Unterschied; das eine kann man sich aneignen, das andere nicht…

Mag sein, ich bin nicht das Schlauste, was auf diesem Planeten rumläuft und ich habe sicher kein wahnsinnig gut ausgeprägtes Wissen. Aber eines bin ich ganz sicher nicht; dumm. Auch wenn das manch einer gern hätte…

In jungen Jahren hab ich einige Fehler gemacht. Mehr wahrscheinlich, weit mehr, als ich sie heute mach. Vom Gymnasium, welches ich mit etwas Einsatz meinerseits problemlos hätte schaffen können, bin ich am Ende noch schnell auf eine Hauptschule gegangen, um wenigstens irgendeinen Schulabschluss zu haben. Mir war es wichtiger, jemanden zu finden, der mich liebt. Irgendwen, wer war mir eigentlich egal. Denn ich hatte weder als Kind noch in meiner frühen Jugend jemals von jemandem gesagt bekommen, dass er mich liebt. Vielleicht war es das, was mich mein halbes Leben lang umgetrieben hat; ich wollte geliebt werden, dazu gehören, nicht übrig bleiben… Ich hatte keine Zeit für solch unwichtigen Dinge wie Bildung in der Schule, um später was aus mir zu machen. Ich hatte zu viel Sehnsucht im Herzen und zu wenig Geborgenheit in dieser kalten Welt. Was interessierte mich da Mathe oder Englisch…

Erst als meine Kinder sterben mussten und ich den Schmerz, der darauf folgte, mit Drogen bekämpfen wollte, begriff ich eines; es interessiert die Welt nicht, was du aushältst, wer dich auffängt oder wie sehr in dir drin etwas weh tut. Niemand wird einfach kommen, dich an der Hand nehmen und aus deiner Hölle raus bringen. Niemand. Und niemand außer dir selbst wird dich daraus befreien können. Aus dem Schmerz, den du dir selbst auferlegt hast. Von der Schuld, mit der du dich selbst kasteist und von der Angst, welche du zugelassen hast und die dich inzwischen aushöhlt und leerer macht als dein müdes Herz, in welchem längst kein Gefühl mehr wohnt. Ich versuchte, irgendwas von mir selbst am Leben zu halten. Diesen einen Funken, den man später braucht, um wieder Feuer zu machen. Manchmal schützte ich diese letzte Glut meiner selbst mit bloßer Hand, nackt, auf den Scherben meines jungen Lebens…

Ja, vielleicht hätte ich was machen können aus meinem Leben. Vielleicht mehr, als das, was es geworden ist. Vielleicht hätte es mich mehr interessieren sollen, wer wann wo welche Schlacht gewonnen hat und wie man die Wurzel aus irgendwelchen Zahlen zieht. Ich hab stattdessen versucht, mit diesem ewigen Schmerz tief in mir drin klar zu kommen, der irgendwo in meiner Kindheit entstanden war und mich nie wieder ganz losließ. Ich hab ganz einfach nur versucht, am Leben zu bleiben, während in mir drin ein Teil nach dem anderen starb und es meine größte Sehnsucht wurde, selbst endlich sterben zu können. Immer schwerer wurde es, diesem ewigen Ruf tief in mir nicht nachzugeben. Nicht von der Brücke zu springen, nicht diesen Drogencocktail in mich rein zu kippen, nicht mit dem Messer tief genug zu ritzen, um verbluten zu können. Ich hab viel versäumt in der Zeit, in der ich mit Überleben beschäftigt war. Heute weiß ich, wie man überlebt. Nackt, allein, einsam. Wie man überdauert, den Schmerz, die Dunkelheit, die Hölle. Ich weiß, wie man alleine zurecht kommt, ohne Bestätigung oder Rückhalt. Was also interessiert mich das Wissen von Menschen, die mir sagen wollen, dass ich dumm bin? Richtig, nichts… Es interessiert mich nicht. Weder, was ihr wisst, noch ob ihr mich dumm nennt. Die meisten Menschen, welche auf ihr Wissen beharren, haben nichts anderes als das. Nacktes Wissen aus Büchern, welches die Vergangenheit erzählt. Und in der Vergangenheit weilt nur, wer keine Zukunft hat…

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Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay

3 Kommentare zu „2. Juni … und du willst wissen, dass ich dumm bin…

  1. Hallo niciangela
    erstmal vielen Dank, dass du so persönliche Erfahrungen teilst, ich empfinde großes Mitgefühl mit dir (bitte nicht mit Mitleid verwechseln). Der erste Teil deines Beitrags hört sich an wie meine eigene Biografie. Egal, wer was über dich sagst, ich kann lesen, dass du ein starker Mensch bist, der seine Krisen meistert und weitwrmacht.
    Und was andere von dir denken, ist für deon Leben nicht von Belang.
    Ich wünsche dir die kraft, immer weiter zu machen und deinen Weg zu gehen.
    Alles Liebe und Gute, viele Grüße
    Janina

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