25. Mai … feiern, während das Herz weint…

Elf Jahre ist mein Sohn jetzt alt geworden. Elf Jahre. Er hat sich ein neues Kleid für seine Puppe gewünscht. Einen Fahrradsitz, damit er sie mitnehmen kann beim Fahrrad fahren. Aber blau muss der Sitz sein, weil rosa an einem schwarzen Männerfahrrad ganz sicher doof aussieht… Ich glaube, das beschreibt ihn ganz gut, meinen Sohn. So ist er; gefangen in seiner eigenen Welt. Mit Prinzipien, die sich selbst oft so widersprechen und doch machen sie ihn so sehr aus…

Letzte Nacht lag ich wach. Das erste mal seit langem lag ich wach. Und dachte nach über diese elf Jahre Weg, den wir gegangen sind. Den Abend vor seiner Geburt war ich lange noch auf und stöberte mit meiner Schwester in meiner Vergangenheit. Irgendwann haben wir uns noch kurz schlafen gelegt und sind dann los, ins Krankenhaus. Ich war so gespannt und neugierig auf meinen Sohn; wie würde er aussehen? War er auch wirklich gesund? Und wie wird es sein, Mutter zu werden? Ich hab immer versucht, mir nicht zu viele Vorstellungen davon zu machen, denn ich war mir sicher, ziemlich weit daneben zu liegen mit meinen Gedanken. Wenn ich jetzt die elf Jahre zurück schau, dann weiß ich; nichts davon, nichts hab ich mir auch nur annähernd so vorgestellt. Nichts. Wie in einem Käfig lebe ich, den mein Sohn leise aber dafür umso stärker um mich gebaut hat in all den Jahren. Seine Behinderung hat mich eingesperrt und mein Bedürfnis, immer für ihn da zu sein, hat das nur noch schlimmer gemacht. Irgendwann war meine ganze Selbstbestimmung weg, meine Freiheit, meine Kontakte, mein Leben…

Nichts, rein gar nichts davon hat mir leid getan oder weh. Ich hatte rechtzeitig gelernt. allein zu sein, niemanden zu brauchen, stark bleiben zu können. Die dinge haben sich von selbst geregelt, indem ich immer ausgehalten hab, standgehalten, müssen… Immer weiter voran hab ich mich getrieben, ging ja nicht anders, mach weiter, nicht stehen bleiben… Ich hab immer gewusst, für wen ich das mache und nie einen sinn dafür gebraucht oder in Frage gestellt. Für mich war das selbstverständlich. Auch noch, als andere längst gesagt haben, ich solle damit aufhören. Ich war nicht bereit, mein Kind aufzugeben. Ich war nicht bereit, etwas aufzugeben, was ich allein mir auferlegt hatte. Und ich war nicht bereit, mir eine Grenze einzugestehen, die ich längst weit überschritten hatte…

Erst als mein Sohn mich das erste mal so hart schlug, dass es wirklich weh tat, wurde ich bereit. Bereit, mich zu schützen, mein zweites Kind zu schützen. Bereit, etwas aufzugeben, was ich bisher mit meinem Leben verteidigt habe. Ich hab es versucht! – in diesem Satz suche ich seit geraumer Zeit nach Trost aber er bleibt aus. Ich hab es versucht aber nicht geschafft! – das ist es, was mir mein Herz sagt und das tut weh. Und ich weiß, dass es erst wirklich weh tun wird, wenn er fort ist. Ich versuch der Angst zu widerstehen, die sich bei dem Gedanken in mir breit macht. Ich versuch es aber schaff es nicht wirklich. Ich schaff grade nichts von dem, was ich mir vorgenommen habe, nichts. Wollt heut so fröhlich sein an seinem Ehrentag und bin so traurig weil es der letzte ist, an dem er hier wohnt. Warum nur hab ich es nicht weiter geschafft, warum….

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Bild von Mabel Amber auf Pixabay

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