19. Mai … lautes Schweigen…

Was bin ich still geworden in den letzten Wochen! Mir fehlt nicht allein die Zeit, hier etwas zu schreiben, nein mir fehlen viel zu oft die Worte. Worte, die aussprechen, was los ist, ohne weh zu tun. Worte, die dem gerecht werden, was ich fühle, ohne mich zu zerreißen. Innerlich, irgendwo im Herzen, da wo es besonders weh tut…

Wir gehen mit großen Schritten auf das Wohnheim zu, wo mein Sohn wohl ab Herbst leben wird. Er versteht es nicht. Er glaubt noch immer nicht daran, dass ich ihn so verlassen werde. Ich glaube, das bricht mir am meisten das Herz; er wird es erst verstehen, wenn es zu spät ist. Zu spät für uns, für noch einen Versuch, für ein bitte Mama… Was hab ich nicht alles versucht. Wie weit bin ich gegangen, wie weit und inzwischen so weit über meine eigenen Grenzen. Wie oft hat es am Ende für mich nicht mehr gereicht; die Liebe, die Zeit, die Geduld, die Kraft, das Essen…. Wie oft hat mein Sohn mich in letzter Zeit verletzt, körperlich und seelisch zum Teil zutiefst verletzt und wie oft hab ich ihm verziehen. Wie oft bin ich gedanklich diesen Weg hier, mit ihm, zu Ende gegangen – es war so leicht! So leicht und hier, in der Wirklichkeit ist es so schwer geworden. So schwer…

Jahre, Jahre hab ich kaum geweint und heute weiß ich, warum. All die Tränen hab ich mir aufgehoben für jetzt, für hier. Wieder muss ich ein Kind weggeben und nichts, nichts auf dieser Welt hat mich je so zerrissen wie solch eine Entscheidung. Mein wundes kleines Herz, welches ich mit so viel Geduld, Mut und Liebe zu seinem selbst wieder zusammen geflickt habe; es wird mir jetzt erneut herausgerissen und ich weiß manchmal nicht, ob ich das nochmal überleb. Nochmal…

Ich hab mir mal geschworen, dass ich mir nie, nie wieder so sehr weh tun werde wie damals, als ich meine Zwillinge sterben ließ. Nie wieder wollte ich solchen Schmerz spüren. Nie wieder wollte ich so viel von mir selbst dadurch zerstören. Nie wieder wollte ich diesen Tod sterben als das herzugeben, was man doch so sehr liebt. Nie wieder wollte ich kämpfen und hab es doch für und mit meinem Sohn getan. Nie wieder wollte ich zugrunde gehen, weil mir etwas anderes als ich selbst wichtiger war und doch hab ich es getan. Wie verletzbar man sich selbst macht, indem man liebt. Und das tue ich bis heute, ich liebe dich, mein Sohn. Und das wirst du immer sein, mein Sohn, mein Glück, mein kleiner Mensch auf dieser Welt, der mich mehr gelehrt hat, als jeder andere. Liebe, was hab ich wahre Liebe von dir gelernt! Geduld, was hast du mir Geduld beigebracht! Selbst das Lachen hab ich von dir gelernt und du, du hast immer gelacht, immer. Und jetzt, jetzt sitz ich hier, schreib unter Tränen, was mich bewegt, während wir dein Fortgehen planen. Und ich weiß, kein einziges Wort wird dem Schmerz gerecht, den du in mir hinterlassen wirst. Kein einziges Wort wird sagen können, wie dunkel es werden wird ohne dich. Kein einziges Wort wird genügen, dir zu sagen, wie sehr ich dich vermissen werde, immer lieben werde, mir immer wünschen werde, du wärst bei mir! Unter all diesen unzähligen Worten finde ich keine, dir zu sagen, was das aus mir macht. An deinem ersten Tag, da hast du mich angesehen mit deinen damals anthrazitfarbenen Augen und ich hab dir gesagt, dass ich deine Mama bin und dich nie, nie auf dieser Welt alleine lassen werde so lange ich lebe. Und ich hoffe jetzt nicht, dass du davon nichts mehr weißt, sondern bitte dich zutiefst um Verzeihung, dass ich dieses Versprechen nicht werde halten können. Ich kann es nicht und ich weiß, was mich das kosten wird. Vielleicht, vielleicht verzeihst du mir das irgendwann. Vielleicht. Ich werd es mir nie verzeihen…

Ich weiß, ich hab es versucht. Aber manchmal, manchmal ist das einfach nicht genug- Manchmal reicht es einfach nicht, dass man es versucht hat. Man fragt sich danach immer, ob man es nicht doch geschafft hätte und wird darauf nie eine Antwort finden. Diese laute Stille, die dann einkehrt weil auf diese Frage einfach nie eine Antwort kommt; vielleicht ist es das, was ich fürchte. Die Stille, die du hinterlässt, mein Sohn. Die Stille und diese Stunden Tag und Nacht, die plötzlich übrig bleiben, weil du sie nicht mehr füllen wirst. Manchmal möcht ich schreien, schreiend fragen, ob denn niemand begreift, wie schwer es ist, dich wegzugeben. Ich möcht schreien aber ich bleib still, ganz still. Weil mir die Worte fehlen für das, was da kommt. Weil mein Herz nicht sagen will, was unausweichlich ist. Weil ohnehin kein Wort dafür reicht…

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Bild von andreas N auf Pixabay

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