30. März … ein stiller Gruß…

Du verhasster und zugleich liebgewordener Tag. Jedes Jahr. 22 Jahre. Stille. Schuld. Schmerz. Vor 22 Jahren mussten meine Zwillinge sterben und ich weiß manchmal nicht, ob diese Leere in mir, welche sie in mir hinterlassen haben, ein Abgrund oder Segen ist. Ein dunkler, manchmal nach mir rufender Abgrund, der sich gelegentlich vor mir auf tut und mich schwarz angrinst. Diese unendliche Tiefe, dieser unendliche Fall dort hinab, der einfach nie Sinn macht, egal wie oft ich da noch runterspringe. Es macht einfach nie Sinn, wird es nie machen; welchen Sinn hat zerstörtes, verwehrtes Leben…

Segen, dass ich nach zehn Jahren Hölle, in denen ich jede Nacht meine Kinder schreien und weinen hörte, endlich diese Stille in mir trage. Manchmal taucht dieses eine Bild in meinem Kopf auf. Zwei Kinder, gerade das Laufen gelernt. Sie gehen fort von mir, Hand in Hand. Ein Mädchen und ein Junge, halten einander fest, lassen sich nicht los. Gehen fort. So hab ich sie seit über 20 Jahren in meinem Kopf und so werden sie mein Leben lang von mir fort gehen. Ich hab sie nie gesehen; ihre Gesichter, Augen, Münder. Sie gehen fremd von mir und doch bis heute zutiefst geliebt. 19 Jahre war ich jung, als sie starben und in der ersten Zeit danach verbot ich mir jedes Glück. Ich durfte nicht lachen, gutes Denken, Schönes sehen. Ich durfte nur sterben, innerlich und wieder auferstehen als Schatten meiner selbst. Ich knechtete mich selbst mit meinem eigenen Gewissen und irgendwann hasste ich selbst den schlichten Morgen nach einer Nacht; wie konnte die Sonne es wagen, Licht auf diese sündhafte, schlechte Welt zu schicken? Wie unrecht schien mir Licht in dieser düsteren Zeit voller Schmerz…

Es gibt Dinge auf dieser Welt, an denen sterben wir, innerlich und der Rest unseres Selbst versucht irgendwie weiter zu leben. Irgendwann entsteht diese Sehnsucht, anfangs verrucht und voller Scheu. Eine Sehnsucht nach dem Tod, der einem wie Erlösung scheint und immer wieder ins Ohr flüstert, wie köstlich und süß er er einen umarmen wird und mit Liebe und Frieden schlafen legt. Er lockt, mit sanfter Stimme und Beharrlichkeit verspricht er uns Erlösung. Von der Schuld? Von dem Warum? Egal, Hauptsache von diesem Schmerz erlöst, der einen auffrisst und eine Leere in uns hinterlässt, die nie wieder vergeht. Nichts, nichts vermag diese Leere je wieder zu füllen und dieses Nichts lässt uns jeden Tag mehr ein wenig sterben… Irgendwann wird aus dieser Sehnsucht so etwas wie Liebe. Man weiß, dass man seine Tage hier auf Erden noch zu Ende bringen muss aber dann; dann geht man heim und sieht endlich wieder, was man sein Leben lang so vermisst hat. Welch Trost in dieser dunklen Hölle, welch Trost…

Jeder sucht sich seinen Weg durch seine Hölle und es gibt kein allgemeines Rezept dafür. Da muss jeder selber durch, oft allein und der Weg des Einen ist nicht automatisch der Weg des Anderen. Nein so funktioniert die Hölle nicht. Es gibt keinen, der den Weg kennt, nur weil er selbst ihr entkommen ist. Lange Zeit hab ich mir allen Schmerz und alle Schuld dieser Welt aufgeladen, nur um unter dieser Last diesen einen vernichtenden Schmerz nicht mehr spüren zu müssen; den Schmerz in unserem Herzen, den jene hinterlassen, wenn sie gehen. Wie ein ruheloser Wolf bin ich um mein eigenes Herz gestreunt und hab alles dafür getan, nicht herausfinden zu müssen, wie sehr es dort blutet. Hab mir selbst eine Wunde nach der anderen gebissen und gerissen, nur um DIE eine Wunde nicht ansehen zu müssen. Wie sehr hab ich DIESEN einen Schmerz gefürchtet…

Am Ende musste ich den Wolf töten und der Wahrheit ins Gesicht sehen; ich hatte meine eigenen Kinder auf dem Gewissen und war daran zerbrochen. Es spielt längst keine Rolle mehr, wie groß die Schuld ist, wen sie trifft und welche Teile von mir selbst das alles nicht überlebt haben. Fakt ist, dass mir meine Zwillinge bis heute fehlen und ich immer, wenn ich auch nur einen Stern am Himmel sehe, sie um Verzeihung bitte. Auch heute noch, 22 Jahre später. Vielleicht ist es wahr und nichts ist wirklich tot, was nicht vergessen wird. Ich werde sie nie vergessen, nie und irgendwann wird diese nie endende Sehnsucht nach ihnen gestillt werden weil ich dann endlich bei ihnen bin. Jahre meines Lebens habe ich ihnen gesagt, dass ich leider erst zu Ende bringen muss, was ich angefangen hab; meinen irdischen Weg. Heute, heut bitte ich sie noch um ein wenig Geduld, denn ich darf meinen Weg zu Ende gehen, bevor wir uns endlich sehen. So ändern sich die Dinge über die Jahre. Und wenn ihr mich fragt; Schmerz vergeht nie, er verändert sich nur mit der Zeit. Und irgendwann gewinnt man ihn lieb, denn er ist irgendwann alles, was übrig blieb…

Schlaft gut, meine Engel. Ich vermisse euch noch immer und freue mich auf den Tag, an dem wir uns sehen. In meinem Herzen seid ihr ewig und ewig geliebt. Ihr ward lang, lange Zeit meine Dunkelheit; heut, heut seid ihr mein Licht. Möge es nie erlöschen…

angel-2512756_1920

Bild von Pete Linforth auf Pixabay

 

Ein Kommentar zu „30. März … ein stiller Gruß…

Schreibe eine Antwort zu Der Wörterwald Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s