26. Februar … jetzt brauch ich auch kein Mitleid!

Natürlich schmerzt solch eine Entscheidung, sein eigenes Kind in Zukunft außerhalb der Familie aufwachsen zu lassen. Ich allein weiß am Besten, wie viel mich die letzten Jahre gekostet haben; Zeit, Gesundheit, Nerven, Freiheit, Freizeit, Geld… Und ja, das gehört sich nicht, sich vorstellen zu wollen, was ein Kind gekostet hat. Schließlich wollte man selbst dieses Kind, hat sich dafür entschieden, selber Schuld… Ich hab vieles mir angehört in den letzten Jahren; viele Anschuldigen, Vorwürfe, Verdachtsäußerungen, Unterstellungen, Schuldzuweisungen, kluge Ratschläge und was nicht alles dabei war. Mein Ziel war es immer, meinen Sohn bei mir zu haben solange es nur irgendwie geht. Aber dieses irgendwie ist nun unerträglich geworden und langsam sagt mir mein Körper immer mehr: schau auf dich, hilf mir mal, bleib mal stehen! Wie viele eigene Baustellen hab ich in den letzten Jahren hinten angestellt, warten lassen, verworfen. Wie viel eigenes Anliegen, Bedürfnisse und Ausleben. Und wie viel Schmerz schreit mir inzwischen entgegen. Man kann nicht immer nur funktionieren, ignorieren und glauben, dass es ewig so weiter gehen wird. Zwar hab ich mir positives Denken immer bewahrt, auch jetzt aber ich hatte nie Illusionen oder den Irrglauben, dass uns das Leben nie irgendwann in die Schranken weisen wird…

Meine Entscheidung jetzt ist mir sicher nicht leicht gefallen und wird noch viel Schmerz und Tränen mit sich bringen, denn im Moment ist er noch hier, bei uns, wo er hingehört. Noch. Aber ich weiß auch, dass es mir jetzt nicht schlecht gehen muss. Ich suche nicht nach Schuld – die geben mir andere genug, da muss ich nichts mehr tun. Ich frage nicht nach dem Warum, denn diese Frage hat mich schon mal Jahre meines Lebens gekostet und ist doch unbeantwortet geblieben. Und so sehr ich mich vor diesem Tag gefürchtet habe, an dem ich mein Kind weggeben muss, so sehr stehe ich jetzt da und sage: es tut mir leid! Es tut mir leid, dass ich nicht mehr genug bin für deine Bedürfnisse, für deine Forderungen, für deine sich ständig verändernden Vorstellungen vom Leben. Ich kann dir nicht mehr folgen, folgen in die Teile deiner Welt, die ich bisher immer verstanden habe und mir jetzt so fremd geworden sind. Ich kann nur noch versuchen, dich in die besten Hände zu geben; Hände, die weit besser sein werden als meine. Weil sie wissen, was sie tun. Weil sie geschult wurden für deine Probleme und weil sie anfangen, zu verstehen wo ich aufhöre, dir folgen zu können. Was sie dir nicht geben können ist meine Liebe und darum geb ich dir mein Versprechen mit auf den Weg, dass ich damit nie aufhören werde; dich zu lieben. So wie du bist!

Ich hab mich gefürchtet vor diesem Tag und weiß immer noch, dass er hart wird. Aber ich weiß jetzt auch, dass ich ihn überstehen werde; mehr noch, nicht daran zerbrechen werde. Mein Sohn hat mir unglaublich viel gezeigt auf unserem Weg. Was hab ich durch ihn gelernt, erfahren und verstanden! Und was werde ich in nächster Zeit verstehen lernen und welch neue Grenzen erfahren. Du hast mich reich gemacht, mein Kind, reich an Erkenntnis und Demut. Ich danke dir dafür.

Es geht mir gut. Trotz dieser Entscheidung geht es mir gut. Niemand braucht mir jetzt zu sagen, wie es mir geht, gehen soll, muss. Niemand. Es gab nicht einen, der uns in den letzten 10 Jahren effektiv geholfen hat. Keinen. Und bevor hier jetzt jemand wieder schreit; du wolltest keine Hilfe! Das ist falsch. In dem Moment, in dem mein Großer den Holzkochlöffel gegen seinen Bruder erhoben hat war ich auf der Suche nach Hilfe. Förderstellen, Caritas, Jugendamt, Autismushilfe, Familienhilfe, ‚Heilpädagogische Einrichtungen,… Ich habe jeden einzelnen um Hilfe gebeten. Vielleicht bin ich irgendwann müde geworden und habe den irrsinnigen Versuch gestartet, es allein zu schaffen, denn das waren wir in den 10 Jahre – allein. Es konnte oder wollte uns keiner helfen. Es wurde mir letztendlich immer nur eine Hilfe angeboten; mein Kind wegzugeben. Ich wollte es versucht haben, wenigstens versucht…

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Bild von enriquelopezgarre auf Pixabay

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