25. Februar … wenn ein Weg zu Ende geht…

10 Jahre. Fast 11. Und ich stehe hier und weiß, das es zu Ende geht. Hab ich versagt? Bin ich gescheitert nach all dem Leben, nach allem was hinter mir liegt scheiter ich an einem Kind? Scheinbar…

2009 wurde mein erster Sohn geboren und schon am ersten Tag fiel mir auf, wie anders er ist. Er war ein ruhiges Kind, verlangte nicht viel. Er wollte nur nicht allein sein in einem Raum wenn er wach war. Und er schlief tagsüber so gut wie nie. Er war grade mal 19 Monate alt, als er das erste mal versuchte, Gewalt anzuwenden. Er hat sicher selbst keine erlebt und doch nahm er damals einen Kochlöffel und wollte damit seinen Bruder verprügeln. Das Köpfchen eines ein Wochen alten Säuglings…

Seither habe ich Hilfe gesucht. Und alles durchgestanden. Das Schlagen gewöhnte ich ihm ab und er fing an zu beißen. Als er endlich verstanden hatte, dass man das nicht macht, fing er an zu Schubsen. So ging es immer fort. Wer meint; nun ja, das macht wohl jedes Kind irgendwann – ja, das mag sein. Aber mein Sohn biss seinen Bruder so oft, dass ein Krankenhaus nach einem Notfall mir mein Kind verwehren wollte, weil es 17 Bissabdrücke hatte. Das Jugendamt wusste davon und holte uns da wieder raus – geholfen hat es uns aber nicht, an der Situation was zu ändern. Auch dass der Große den Kleinen versuchte, vor Autos zu schubsen brachte nichts ins Rollen, Hilfe blieb aus. Zehn Jahre habe ich das durchgestanden, immer wieder Wege gefunden, trotz aller Aggressionen und Aussetzern meines behinderten Kindes unsere Lebensqualität zu bewahren und dafür zu sorgen, dass keiner von uns Schaden nimmt. Und dann hatte der Vater meines Großen die fixe Idee, sich nach über 5 Jahren Stille in unser Leben einzumischen. Ein Mann, der noch nicht mal wusste, dass sein Sohn 80 % Schwerbehindert ist, wurde entgegen aller meiner Bedenken auf sein Kind losgelassen. Es durfte telefonischer Kontakt aufgebaut werden. Und nun darf man sich vorstellen; ein Mann über 50 hört seinem Kind stundenlang seelenruhig dabei zu, wie es Pöbellieder anhört, welche ihm von Mitschülern empfohlen wurden. Was ich nach den ersten zwei Sätzen unterbinde, singt sein Vater fröhlich am Telefon mit. Es wird ignoriert, dass er mich während eines Telefonats beleidigt und beschimpft; da wird geschwiegen und kaum bin ich außer Reichweite wird gelacht. Innerhalb kürzester Zeit verlor mein Kind allen mühsam aufgebauten Respekt; mit seinem Vater im Rücken fühlt er sich stark und man setzte ihm die Flausen in den Kopf; wenn es hier, bei Mutti nicht mehr klappt, dann kann er ja zum Vater ziehen…

Ich hab in den letzten Jahren alles, was ich an Privatleben habe, in mein Kind investiert. Hab es ihm ermöglicht, mit Regeln und exakt geregelten Tagesabläufen in seinem autistischen Gefängnis so normal wie möglich leben zu können. Bei uns, in seiner Familie und gegen jeden widerkehrenden Rat, dass er in ein Heim gehört. Er bekam von mir ein Korsett aus Liebe geschnürt, in dem er sich sicher und wohl fühlte. Und dann kam sein Vater und riss es ihm vom Leib. Was ich jahrelang mühsam aufgebaut habe und was für mich absoluter Verzicht in nahezu allen Dingen bedeutet hat, das hat man mir innerhalb von 4 Monaten zerstört. In diesen 4 Monaten hat mein Sohn 2 Monitore, 2 Telefone, 1 Tablett, 1 Fernbedienung, eine Tastatur und jede Menge Spielzeug zerstört. Jedes mal eine Reaktion auf seinen Vater. Außerdem hat er in dieser Zeit ein Messer nach mir geworfen, eine volle Wasserflasche und eine Tastatur an meinen Kopf. Vor wenigen Tagen hat er versucht, mir einen Arm zu brechen und einen Tag später hat er versucht, seinen Bruder zu erwürgen. Er hat meine Schmerzgrenze erreicht und so sehr es mir das Herz bricht; er muss nun gehen. Wir sind auf der Suche nach einem Wohnheim für ihn und meine Vernunft sagt mir, dass es das einzig Richtige ist. Ich kann und will nicht verantworten, dass hier jemand zu Schaden kommt und werde nicht abwarten, dass es zu spät ist. Vielleicht hab ich versagt, vielleicht ist das alles einfach nur meine Schuld, vielleicht bin ich es letztendlich, die nicht verstanden hat. Aber das spielt keine Rolle mehr. Fakt ist; was wir in den letzten 4 Monaten durchgemacht haben ist unerträglich geworden und hat so in den 10 Jahren davor nie stattgefunden. Ich finde Frieden darin, dass ich es versucht habe; länger versucht habe als es jeder andere getan hätte. Es wird die Schuld nicht von mir nehmen und das ist gut so. Es ist gut, wenn etwas bleibt von dem, was man so sehr liebt und doch verliert. Es ist gut, wenn was davon bleibt und wenn es nur Schuld ist…

lighthouse-4846854_1920

Bild von Susanne Jutzeler, suju-foto auf Pixabay

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s