24. Februar … nicht eine Sekunde meines Lebens…

„Was an deinem Leben würdest du ändern wenn du eine einzige Sache ändern könntest?“ – diese Frage begegnete mir gestern. Und sofort hatte ich nur dieses eine Wort in meinem Kopf – nichts!

„Nichts“, murmelte ich lächelnd und schloss für einen kurzen Moment meine Augen. „Genau“ hörte ich mein Herz leise erwidern; es war ganz meiner Meinung. Wir würden nichts an den 40 Jahren ändern, keinen einzigen Tag. Nicht mal eine Minute. Nicht mal die schlechten Dinge, die ich irgendwann getan habe? Nicht mal die. In dem Moment, in dem ich sie getan hab war ich einfach nur schwächer als heute. Nicht stark genug zu erkennen, warum man manches nicht macht und dass man niemals, nie etwas in diesem Leben rächt, heimzahlt oder einfach nur aus purer Wut und Hass an jemandem auslässt. Und nur weil ich damals diese Fehler machen durfte weiß ich heute, welche Dinge nie wieder passieren dürfen und warum man niemals sofort auf die Dinge reagieren sollte, die einen auch nur in kleinster Weise berühren. Alles, was ein Gefühl in uns auslöst, sollte angesehen werden. Angesehen und verstanden werden, ganz egal ob das Gefühl Liebe oder Wut ist.Und erst dann reagieren oder handeln. Wenn überhaupt…

Ein riesen Versäumnis war mein Vater. Kein einziges sinnvolles Gespräch haben wir zustande gebracht. Ehrlich gesagt hab ich fast 16 Jahre mit ihm unter einem Dach verbracht ohne ihn wirklich gekannt zu haben. Als er verschwand blieb er ein großes Mysterium für mich und als er Jahre später starb hinterließ er doch eine Lücke in mir. Eine, die immer bestehen wird, so unerwartet sie auch entstand. Er war mir nie Vater; vielmehr war er jemand, der durch eine Laune der Natur Teil meiner Familie wurde aber diese Stellung nie einnahm. Ich habe ein einziges mal um ihn geweint und bis heute weiß ich nicht, ob es Trauer oder Mitleid war. Fakt ist, dass ich meinen Frieden mit ihm habe. Auch heute, wo mir klar ist, welchen Fluch ich einst auf ihn gelegt hab und dass er der zweite war, der sich erfüllt hat. Eine Schuld, welche ich lange getragen hab, noch länger tief genug vergraben hatte, um sie eine Weile zu vergessen und letztendlich mir selbst verzeihen durfte, um nicht daran zu zerbrechen. Und genau so sehe ich das heute; als Geschenk, welches mir das Leben machte. Ich durfte mir selbst mit das schlimmste, was ich bisher getan habe, verzeihen. Mit, denn es gab noch manches, was ähnlich schwer wog…

Meine geliebten Kinder, welche nie leben durften. Eine Last, die mich viele viele Jahre zermürbt hat. Nichts hat mich tiefer in die Knie gezwungen, nichts hat mehr weh getan, nichts hat mehr tief in mir zerstört als diese zwei Wesen, die ich nie kennen lernen durfte. Und auch heute, über 20 Jahre danach gibt es diesen einen Punkt, nein eigentlich zwei Punkte in mir drin, wo bis heute nichts wächst. Kein Gras drüber, kein grün mehr, nicht mal Unkraut. Die Stellen sind leer, kahl, verwaist. Schließ ich die Augen seh ich dort Blumen, meist Rosen oder Orchideen und ich weiß in meinem Herzen; ich hab sie dort mit dem Herzen gepflanzt für meine Kinder. Damit diese kalte leblose Stelle in mir nicht so schrecklich aussieht, wie sie sich manchmal anfühlt, sondern als Zeichen meiner Liebe und meiner Schuld. Und egal, wie oft ich meine Kinder dafür um Verzeihung gebeten habe – dass sie nicht leben durften, konnten – am Ende musste ich mir selbst verzeihen. Verzeihen, dass ich eine Entscheidung treffen musste, obwohl ich eigentlich gar keine Wahl hatte. Verzeihen, dass ich nicht verhindern konnte, was passieren musste. Was sie mich letztendlich lehrten war die Tatsache, dass es für alles eine Zeit gibt; alles kommt und geht zu seiner Zeit. Und dass es Schmerz gibt, den wir nicht heilen können, nie. Wir können lernen, damit zu leben. Wir können lernen, entgegen diesem Schmerz zu lachen. Aber wirklich vergehen wird er nie. Weil es Menschen gibt, die ein Stück unseres Herzens mit sich nehmen, wenn sie gehen…

Als ich vertraute und dafür Lehrgeld zahlte; es war jedes mal eine Lektion bis ich verstanden hatte. Ich verstand, dass nicht jeder Vertrauen verdient aber auch nicht jeder die Schuld dafür zu tragen hat, dass ich einst den Falschen vertraute… Als ich an Gott glaubte und ihm danach all die Schuld gab für dieses Elend auf der Welt. Und lernen musste, dass Glaube nicht endet, wenn er zu nichts führt, sondern dort erst beginnt und zur Hoffnung wird… Als ich glaubte, keinen einzigen Schmerz mehr ertragen zu können, als ich ohnehin schon fühlte und jedes Gefühl in mir, den letzten Fetzen Herz in meiner Brust, den letzten Funken Liebe in mir versuchte zu töten, nur um nie wieder Schmerz fühlen zu müssen. Nur um begreifen zu können; erst wenn du gar nichts mehr fühlst wirst du endgültig tot sein. Und nur Liebe allein wird dich heilen, nur Liebe… Als ich mir nicht mehr erlaubte, Wut zu spüren weil mich jedes noch so kleine Gefühl regelrecht anwiderte und mir unerträglich geworden war. Bis mir klar geworden war – vielleicht im letzten Moment – dass jedes noch so kleine Gefühl in uns selbst uns am Leben halten kann. Selbst dann, wenn alles andere in uns längst tot ist… Nichts, nichts würde ich an all diesen Dingen ändern, nichts. Selbst die Jahre, welche ich brauchte, um all diese Dinge zu verstehen, würde ich nicht ändern, nicht reduzieren. Nicht mal das. Denn jeden Tag begegnen mir Menschen auf dieser Welt, welche mir zeigen, dass sie nichts, rein gar nichts von dem, was uns jedes Glück, jeder Schmerz, jedes Leid, jede Träne, jeder Lichtblick auf dieser Welt lehren will. Nichts. Was sind da schon ein paar Jahre? Was sind da Jahre, manche verstehen es nie…

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Bild von Volker Glätsch auf Pixabay

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