29. Januar … danke, trotz allem…

Mag sein, mein ehemaliger Chef hat es nicht „anders verdient“, als verklagt zu werden. Manch einer scheint das so zu sehen und ich verstehe den Gedankengang. Wer mich kennt, weiß, dass ich keine Wut mehr auslebe; schon lange nicht mehr. Was nicht heißt, dass mich nichts wütend macht; ich habe nur gelernt, mit diesem Gefühl anders umzugehen. Und glaubt mir, wenn jemand wütend werden kann, dann sicher ich. Früher war das eine sehr zerstörerische Wut, da flogen nicht selten die Fetzen – oder andere Dinge. Ich hab manches mal meine Wohnung verwüstet oder irgendwelche Dinge gegen die Wand geworfen. Ganz egal, ob das ein Handy oder eine Flasche war…

Nun, heute mach ich nur noch eines mit meiner Wut; ich geb sie direkt weiter, bevor sie wirklich in mir entsteht. Zum einen ist Wut ein Gefühl und es gibt Menschen auf dieser Welt, die verdienen kein Gefühl, egal welcher Art. Und außerdem trifft Wut letztendlich nur einen selbst, im schlimmsten Fall einen Unbeteiligten. Jemanden, der zur falschen Zeit am falschen Ort war oder ist und Wut abbekommt, die ein ganz anderer verursacht hat. Das wäre falsch, das sollte nicht sein. So reinigend Wut auch sein kann, sie sollte nie den Weg zu jemandem finden, der dieses Gefühl in uns nicht ausgelöst hat. Und wenn man mal verstanden hat, wie sinnlos Wut ist, dann verliert man sie ohnehin von ganz allein…

Mein letzter Chef hat mich nie wütend gemacht. Mag sein, er war menschlich kein besonders guter Vorgesetzter und er war oft zu sehr Theoretiker und weit weg von Tatsachen. Auch Fairness war für ihn oft ein Fremdwort. Allerdings habe ich nie vergessen, woher ich komme. Er war für mich der, der mir nach vier Jahren Elternzeit eine Chance gegeben hat, wieder arbeiten zu gehen. Er war der, der nicht gefragt hat, was ich mit meinem Kind mache, wenn es krank wird, sondern der, der an mich geglaubt hat, dass ich das irgendwie hinbekomm. Und das ist weit mehr, als mir in den letzten zehn Jahren jeder andere potentielle Arbeitgeber gegeben hat. Ich hab ihm das immer gedankt, immer. Ich habe mich nicht so „behandeln lassen“ weil ich es musste oder ihm gar etwas schuldig war. Nein, ich habe mich „so behandeln lassen“ weil für mich der Wert, arbeiten gehen zu können, weit größer war, als die Tatsache, dass mein Vorgesetzter nicht mit Menschen umgehen kann. Und ich gehöre nicht zu den Menschen, die etwas mit Rache oder dergleichen abschließen, denn auch jetzt vergesse ich nicht, woher ich komme.

Ich kann nur jedem raten, Dankbarkeit einen Platz in seinem Leben zu geben. Nicht verzweifeln, welch Last uns auferlegt wird, sondern dankbar sein, dass wir alles mit auf den Weg bekommen haben, sie zu tragen. Nicht fragen, warum ausgerechnet wir, sondern dankbar sein für unseren Glauben, dass wir auch das schaffen werden. Nicht wütend werden weil Menschen uns anders behandeln, als wir es gerne hätten, sondern dankbar sein, dass wir gelernt haben, vernünftig damit umzugehen. Und ich danke jedem, wirklich jedem, der mit mir anständig umgehen konnte, als ich es am wenigsten verdient hatte…

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Image by enriquelopezgarre from Pixabay

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