21. Januar … bewerte das nicht über…

Bewerten: dem Wert, der Wichtigkeit o.ä. nach einschätzen

Wie ich darauf komme? Nun, zum einen bin ich seit einer Weile in einer Internetgruppe, in der man Dinge, die einem selbst nutzlos geworden sind, anbieten kann. Der Empfänger übernimmt das Porto und man ist seinen alten Krempel los. Natürlich kann man sich auch selbst dort etwas aussuchen. Für das ganze Spektakel gibt es eine Bewertungsliste, in der man angeben kann, ob jemand zuverlässig das Porto zeitnah überweist oder ob die Sachen auch tatsächlich verschickt werden. Und jedes mal, wenn ich dort eine Bewertung hinterlasse denke ich mir; klar, ich bewerte sein Verhalten bezogen rein auf diese Sache hier und doch fühlt es sich seltsam an, Menschen zu bewerten…

Eben auch eine e-mail bekommen. Ich hatte mich auf eine Stelle beworben und dafür grad eine Absage kassiert. Wobei selbst das alles andere als normal ist, meistens bekomm ich nicht mal diese Reaktion. Heute habe ich allerdings eine sehr nette Ablehnung erhalten. Im letzten Satz steht: „Bitte sehen Sie unsere Entscheidung nicht als Bewertung Ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten an.“ Ist das nicht nett? Man entschuldigt sich quasi dafür, dass ich nicht genug bin für den Laden… Auch wenn das mal wieder etwas verachtend klingt von mir, ich finde diesen Vermerk in der Nachricht einer Jobabsage tatsächlich sehr erfrischend. Wie bei diesen Losen; da gefällt mir „Vielleicht haben Sie nächstes mal mehr Glück!“ auch besser als „Leider nein!“…

Aber kommen wir zurück zu den Bewertungen allgemein. Ich selbst hab diesen Kampf lange geführt. Mein Größter dürfte der mit meiner Mutter gewesen sein. Während sie einen Jungen wollte, wurde erst meine Schwester und dann ich geboren, bevor der heiß ersehnte männliche Stammhalter endlich zur Welt kam. Ich war also einer der Versuche dorthin und genauso fühlte ich mich auch. Ungeliebt, unverstanden, unbeachtet. Ich bin nach meinen ersten sieben Lebensjahren in der Stadt auf dem Land aufgewachsen. Meine Mutter war immer da, immer erreichbar für uns. Wir Kinder waren meistens außer Haus, bis es dunkel wurde. Wir waren versorgt und behütet. Was mir aber fehlte, war Liebe. Liebe in Form einer Umarmung, eines lieben Wortes, irgendeiner Anerkennung. Während meine Brüder diese teilweise bekamen, ging ich in der Hinsicht leer aus. Und erst mit 23 Jahren hörte ich auf, um Anerkennung und Liebe zu kämpfen. Ich hörte einfach auf damit, weil mir klar geworden war; sie wird niemals solch warme, liebevolle Worte für mich finden. Sie wird es einfach nicht. Wir hatten das Thema angesprochen und sie stritt – wie immer – alles ab. Allerdings fügte sie einen Satz hinzu, der für mich alles sagte: „Weißt du, es ist einfacher, ein Kind zu lieben, welches immer lacht, als eines, das immer weint.“ Ups…

Ich hätte ihr sagen können, wer Grund meiner Tränen war. Wer verantwortlich dafür war, dass ich Liebe nie gelernt habe, aber ich hab es gelassen. Sie würde es ohnehin nicht verstehen. Sie würde nicht verstehen, dass sie mir letztendlich nur einen Wert mitgegeben hat; sei etwas, das man lieben kann, dann liebt man dich auch. Ich hatte den fatalen Irrtum in mir, dass man sein Kind immer liebt als Mutter oder Vater. Heute weiß ich; es lag nicht an mir. Ich hatte nicht zu wenig Wert, um geliebt zu werden. Meine Mutter hatte zu wenig von sich selbst, um es zu können. Sie hat mich auf ihre Art geliebt, aber das war mir nicht genug…

Wir sollten Menschen niemals anhand dessen bewerten, was sie sind, können oder wollen. Jeder Mensch hat seinen  Wert, genauso, wie er Fehler hat. Und eines, eines brauchen wir ganz sicher nicht; einen Wert, um geliebt zu werden. Liebe sucht sich keinen Wert, Liebe ist oder sie ist es eben nicht. Ich hab lange gebraucht, dieses innere Kind in mir zu heilen. Ihm zu erklären, dass es genug ist und vor allem; es daran glauben zu lassen. Es sieht heute nicht mehr zu mir hoch, mit fragenden Augen. Es wohnt heute in meinem Herzen und macht es zu einem besseren Ort. Und wenn es mich manchmal leise fragend ansieht und ich genau weiß, was es wissen will, dann frag ich es: wie kannst du nicht genug sein, mein Herz, wie?

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Bild von Suppenkasper auf Pixabay

 

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