12. November … zur Not mit Rilke ablenken!

Da ist er wieder, euer kleiner Feigling. Noch am Leben und noch am Stück; das heißt unterhalb von meinem Hintern fehlt jetzt ein Stück und diese fiese kleine Naht erinnert mich ständig daran. In zwei Wochen kommen die Fäden erst raus, ich werd also noch ein wenig Spaß daran haben. Aber immerhin, ich hab es hinter mir. Unser Kopf ist schon manchmal unser fiesester Gegner. Ich hab gestern den Arzt tatsächlich noch gefragt, ob er nicht nachschauen möchte, wie taub das tatsächlich ist. Der winkte nur ab und meinte „Das ist taub“ und fing einfach an. Diesen Satz hat der Arzt damals auch gesagt, als er mir den Bauch aufschnitt…

Jedenfalls hab ich ordentlich geschwitzt gestern. Wie lenkt man sich ab, wenn der Kopf nur auf Schmerz wartet? Erst mal hab ich die Steckdosenreihe in der Wand hypnotisiert. Als das Ganze vor meinen Augen nur noch verschwommen war, rief ich mir Rilke ins Gedächtnis – keine Ahnung warum.

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.“

Die erste Strophe begleitet mich schon mein halbes Leben. Ich hatte sie mal gehört und verinnerlicht; bis zum bitteren Ende versuchen, es zu schaffen. Nicht einfach irgendwann aufhören weil man glaubt, die Zeit reicht vielleicht nicht mehr oder man schafft es ohnehin nicht. Es immer wenigstens versucht zu haben! – das ist meine Einstellung zu den Dingen, auch heute noch. Und so lag ich da gestern, versuchte, an den Steckdosen vorbei zu starren und ließ in meinen Gedanken Rilkes Worte wirken. Als der Arzt fertig war, schrubbte er hinter mir mit Alkoholgetränkten Tupfern mein Blut weg. Die Schwester meinte, sie könne das später auch machen aber er scheuerte kräftig weiter und murmelte irgendwas. Ich hatte das Gefühl, er wollte nicht, dass ich das sehe. Ich bin mir nicht mal sicher; schrubbte der die Liege oder tatsächlich die Wand dahinter? Es klang zumindest so…

Immerhin, ich bin wieder ein Stück weiter. Betäubungen können durchaus wirken. Vertrauen, vielleicht auch wieder in dieses Thema. Wobei ich hoffe, so bald brauch ich keine Betäubung mehr…

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Bild von Peggy Choucair auf Pixabay

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