10. November … wenn noch einer „Mauer“ sagt…

Im Moment bin ich an einem Punkt, an dem ich leicht allergische Reaktionen bekomme, wenn ich das Wort „Mauer“ höre. Ich frage mich, wie sich ein Land selbst so knechten kann. Ich meine, so ziemlich jedes Land hat doch mal Krieg geführt aber keines ist gefühlt so gebrandmarkt wie Deutschland. Sagst du nur einen Ton über die aktuelle Flüchtlingssituation und der beinhaltet nicht das „Refugees welcome“, dann bist du Nazi, Rassist, ein böser böser Mensch ohne Herz. Gleiches passiert einem, wenn man sich nicht über die kunterbunte Vielfalt an Menschen freut; wie kannst du nur? Ist doch toll! Nazi…

Ich glaube, wir Deutschen sind wirklich gut im Erinnern und Gedenken. Immer wieder holen wir die Themen raus und kauen sie durch wie Kühe auf der Weide beim Wiederkäuen. 70 Jahre später, 30 Jahre… Ich meine, Geschichte ist wichtig aber niemand wird sie verstehen oder gar ihre Wiederholung verhindern, nur weil man einmal im Jahr wieder und wieder die gleichen Bilder und die gleichen Worte auf jedem einzelnen Fernsehsender um die Ohren gehauen bekommt. Krieg hat meiner Meinung nach nichts mit erinnern zu tun. Krieg lässt sich erst vermeiden, wenn man ihn verstanden hat. Wenn man die Vernichtung, das Elend und die Gewalt verstanden hat, die dahinter steckt und dann die Sinnlosigkeit begreift, dann kommt man dem ganzen Wahnsinn vielleicht nahe genug, um wirklich dafür einzustehen; das darf nie wieder passieren!

Ich hab Krieg verstanden, als ich mit 13 Jahren in einem KZ stand. Mit meiner ganzen Schulklasse und – das muss ich zu meiner Schande gestehen – mit Springerstiefeln an meinen Füßen. Diese lebensgroßen Bilder von aufgehäuften Toten, die bedrückend enge und dunkle Baracke und das Krematorium haben mich sehr still gemacht. Am Rand einer der Verbrennungsöfen lag eine einzelne Rose und dieser Kontrast von Schönheit und Wahnsinn hat mir mein radikales Genick gebrochen. Als wir uns dann die Gaskammer anschauen gingen, zog ich meine Stiefel aus und ging auf Socken durch diese furchteinflössende Kammer. Nichts hat mir den Krieg und vor allem sein Begreifen näher gebracht als diese paar Stunden in der Vergangenheit. Und ja, man sollte sowas nie in Vergessenheit geraten lassen. Aber ein Mahnmal ist es nicht, jedes Jahr die Menschheit mit stumpfen Wiederholungen zu nerven. Und besonders jetzt sollten wir aufhören, in der Vergangenheit zu wühlen. Und wisst ihr, wann wir besonders in der Vergangenheit verweilen? Wenn wir in der Gegenwart nichts leisten…

Vielleicht sollten wir viel mehr mal inne halten und zusehen, dass wir es jetzt und hier besser machen. Dass wir es eben nicht wieder so weit kommen lassen, dass Menschen in Klassen und Kategorien eingeteilt werden und es sich manch einer erlauben will, zu entscheiden, wer berechtigt ist, in Frieden zu leben und wer nicht. Wir haben nichts gelernt, egal wie oft in den Medien noch wiederholt wird, was vor 70 oder 30 Jahren Jahren passiert ist. Wie soll man auch lernen, wenn es einen irgendwann nur noch nervt? Während die Welt grade genau wieder auf solche Abgründe zusteuert, wird das Gejubel der Menschen auf sämtlichen Sendern gezeigt, als die Mauer damals aufging. Und immer wieder wird von jungen Menschen betont, dass man sich sowas heute gar nicht mehr vorstellen kann. Könnt ihr nicht? Kein Problem, wenn wir so weiter machen dürfen wir es alle noch mal erleben. Vielleicht verstehen wir dann…

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Bild von Martin Melicherik auf Pixabay

 

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