10. Oktober … einen Scheiß macht die Zeit!

„Die Zeit macht das schon“ – wie oft bekommen wir das gesagt? Dass Zeit Wunden heilt; dass, wenn nur genügend Zeit vergangen sein wird, alles nicht mehr so schlimm ist. Es gab Zeiten, da hätte ich gern wütend erwidert; einen Scheiß macht die Zeit! Einen Scheiß… Und manchmal hab ich das auch getan. Wie kann es jemand wagen, mir zu sagen, alles wird wieder gut, musst nur warten, während man an der Stelle verblutet, wo einst das Herz war?

Bis heute ist es mir unerklärlich, warum mich damals, vor über 20 Jahren als meine Kinder starben, niemand das simpelste gefragt hat; wie geht es dir jetzt damit? Die Frage hat mir bis heute niemand gestellt. Man hat geschwiegen, lieber gar nichts gesagt als zu viel. Während man mir das Herz raus riss, haben sie ihre Augen zugekniffen und als es vorbei war, hat man am liebsten an mir vorbei geschaut. Bloß nicht hinsehen, dann muss man auch nichts sagen. Und wenn man das lange genug totschweigt, wird es irgendwann bestimmt nicht mehr im Raum stehen…

„Lasst sie einfach in Ruhe“ hieß es damals. Und ich selbst schwieg, man will schließlich niemanden zur Last fallen. Erst recht, da es ja ohnehin niemanden zu interessieren schien. Dass ich still und leise daran zerbrach und diese Hölle namens Schmerz in mir irgendwann nicht mehr aushielt, bekam keiner mit. „Wie geht es dir?“ – diese Frage hat mir am Ende das Leben gerettet. Auch wenn sie von einem Fremden kam und mir nur gestellt wurde, weil jemand danach verlangt hatte, sie rettete mir das Leben. Als man sie mir stellte, war es dunkel bei mir. Sehr dunkel und kalt und ich hielt den Strick in meiner Hand, der meinem jämmerlichen Dasein endlich ein Ende setzen sollte. „Wie geht es dir?“ wurde ich in dem Moment am Telefon gefragt und ich hatte Tränen in den Augen. Zum ersten mal seit 10 Jahren wurde ich gefragt, wie es mir geht und ich schloss die Augen, fühlte das raue Seil in meiner Hand und schluckte die wohl größte Lüge in meinem Herzen runter, während ich leise sagte: „Gut, mir geht es gut.“

Damals lernte ich, Wut in Energie zu verwandeln; Energie, die mich nach vorne bringt oder wenigstens davon abhält, noch tiefer zu fallen. Ich habe gelernt, dass es nicht wichtig ist, ob jemand dich fragt, wie es dir geht. Wenn es dir nicht gut geht, solltest du es jemandem sagen. Jemandem, der dir zuhört und zu deinem Anker wird, während die stürmische See an deinem winzigen Boot rüttelt, in dem du unterzugehen drohst. Und wenn die See sich beruhigt hat und das Wasser wieder ruhig und glatt träge vor sich hin fließt, dann umarmt uns die Zeit. Und ihr Schweigen bringt uns nicht um, im Gegenteil; sie sagt nicht „Lass mich vergehen und es wird gut.“ sondern nimmt uns bei der Hand und geht mit uns fort. Fort, egal wohin und lässt uns irgendwann spüren; nichts wird ungeschehen oder gut, aber irgendwann, irgendwann wird es erträglich. Wir dürfen uns nur nie belügen, wenn wir selbst von uns wissen wollen; wie geht es dir?

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

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