28. September … Zeit, unser Fenster mal zu vergrößern…

„Die Welt ist nicht größer als das Fenster, das du ihr öffnest.“ Deutsches Sprichwort

Wie groß ist mein Fenster für diese Welt? In den letzten Jahren wohl eher klein, überschaubar und auf das Wesentliche beschränkt. Irgendwann verliert man den Blick dafür und akzeptiert diesen kleinen Ausschnitt in die Welt. Bis gestern war meine Welt auch nicht groß genug, daran zu denken, wieder intensiv Sport zu machen. Bis gestern, denn die Dame, die gestern angefangen hat, mir Nordic Walking beizubringen, geht locker als Folterinstrument durch. Und wer Nordic Walking jemals wirklich richtig und intensiv gemacht hat, der weiß, wie es meinen Armen heute geht. Eineinhalb Stunden hat sie mich erbarmungslos durch den Wald gequält und ich habe als Ex-Raucher erstaunlich gut durchgehalten. Und wisst ihr, was herrlich ist? Dieses leichte ziehen in meinen Muskeln heute. Ich spür es vor allem in den Armen, dass ich gestern was getan hab. Und ich freu mich schon sehr auf Montag, da geht es nämlich weiter. Früher hab ich viel Sport gemacht, bin oft Laufen gegangen morgens vor der Arbeit. Ich hab es geliebt, in der Dämmerung beim Laufen den Sonnenaufgang zu sehen. Fast jeden Tag war ich unterwegs und ich hab es oft vermisst. Jetzt hab ich endlich dieses Fenster wieder aufgemacht und es fühlt sich herrlich an…

Gestern war mein  Fenster auch nicht groß genug für den Vater von meinem Großen. Er kam tatsächlich zum Termin und ich erwischte mich dabei, dass ich deswegen am liebsten gekotzt hätte. Ja, gekotzt, ihr habt richtig gelesen. Wer diesen Menschen kennt, der weiß, warum. Egoistischer und verlogener kann niemand sein. Jedenfalls, er erschien zum Termin und heulte uns erst mal vor, wie schlimm seine letzten fünf Jahre waren und wie sehr er sich jetzt geändert hat. Bevor ich mich wirklich übergeben musste, schnitt ich ihm das Wort ab und machte ihm klar, dass auch unser Leben weitergegangen war und auch wir nicht nur gute Zeiten hinter uns haben. Und dann legte ich ihm den Behindertenausweis seines Sohnes vor und er war endlich still. Zehn Jahre ist sein Sohn alt, seit 5 Jahren hat er seine Diagnose und Behindertenausweis; sein Vater wusste nichts davon. Immerhin hatte ich ihn mit dieser Tatsache endlich zum Schweigen gebracht und ich konnte ihm mal in Ruhe unsere Situation erklären und vor allem seinen Sohn näher bringen. Das Gespräch verlief überraschend normal und wir einigten uns drauf, dass er seinem Sohn jetzt erst mal schreibt und das regelmäßig bis Weihnachten. Schafft er das und mein Großer möchte ihn sehen, dann wird es erst mal vom Jugendamt betreuten Umgang geben. Ein langer Weg, aber wenn er ihn gehen will, werd ich ihm nicht im Weg stehen. Meinem Sohn steht der Vater nun mal zu. Unser Fenster für die Welt ist gestern deutlich größer geworden und das ist gut so! Ob man will oder nicht, manchmal müssen wir bereit sein, uns der Welt zu öffnen. Und hin und wieder schaffen wir das weit mehr, als wir je gedacht haben…

 

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Bild von Nicole Köhler auf Pixabay

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