6. September … mein Herz spricht bayerisch!

Mein „Neuer“ kommt aus einer Gegend, in der ich früher gelebt habe. Viel Zeit hab ich dort schon verbracht, schöne und nicht so schöne Zeit und jedes mal, wenn es mich wieder in diese Richtung treibt, geht mein Herz mit mir spazieren. Als ich gestern das Auto holen ging, war es, als würde mein Herz mich an der Hand nehmen und sagen „Komm, komm mit, wir sehen uns das nochmal an!“ und dann folgte ich ihm zaghaft. Und da gingen wir, Hand in Hand, gedanklich zurück in eine Zeit, welche so schön und schmerzhaft zugleich war für mich. Sie hat mich vom Kind zur Frau gemacht, diese Zeit und brachte mir manchmal mehr als brutal bei, wie hart das Leben manchmal sein kann und dass Liebe nicht immer was schönes ist…

15 Jahre war ich alt, als mich meine erste richtige Liebe aus meinem bis dahin eher langweiligen Leben rauskatapultierte; rein in ein spannendes, manchmal viel zu schnelles Leben. Wie eine Achterbahn, die sich nicht mehr stoppen ließ, wenn sie erst mal losgefahren war. Und manches mal betete ich, wenn es wieder steil in eine extreme Kurve ging oder bergab; bitte, bitte nicht rausfallen! In solchen Momenten griff ich oft nach der Hand meines damals Liebsten und doch griff ich meist ins Leere; sie war nicht da, seine Hand. Er war nicht da, nie, wenn ich ihn brauchte. Und trotzdem war ich für ihn immer da, wenn er seinen ruhelosen Kopf in meinen Schoss betten kam, um zu schlafen. Die ganze Nacht streichelte ich oft seinen Kopf und versuchte, sein blutendes Herz zu heilen; es gelang mir nie, nicht ein einziges mal in all den Jahren. Er zerbrach innerlich an seinem toten Sohn, welcher mit gerade mal 7 Monaten bei einem Autounfall gestorben war. Und äußerlich ging er an den Drogen kaputt, welche er ständig nahm, damit sein Kopf wenigstens für ein paar Momente still wurde. Wie oft habe ich mir gewünscht, während er schlafend bei mir lag, ich hätte anstelle seines Sohnes sterben können, nur damit dieser Schmerz in ihm endlich aufhört…

Sein Schmerz hat mich erwachsen gemacht und viel zu früh den Ernst des Lebens kosten lassen. Zwar hielt er mich immer streng von Drogen fern, doch sah ich jeden seiner bodenlosen Abgründe und lernte viel über das Gift und seine Wirkungen. Wir hatten unfassbar schöne Momente, oft draußen in der Natur, mutterseelenallein. Doch genauso schnell waren diese Augenblicke auch wieder vorbei und die nackte Realität – seine Realität – hatte uns wieder. Ich weiß nicht, wann in mir etwas zerbrach, aber es brach und ich konnte es förmlich spüren. War es, als er das erste mal zuschlug oder war es, als er mir geradezu ins Gesicht spie, ich solle gehen, solange ich es noch kann und nie wieder kommen; er hätte mich ohnehin nie geliebt? Ich weiß es nicht mehr aber irgendetwas zerbrach in mir drin durch ihn und starb dann leise. Jahre, viele Jahre nach ihm dauerte es noch, bis ich heilen konnte, was er zerstört hatte in mir…

Nein, ich denke heute nicht mehr an diese Zeit. Nur wenn ich in die Gegend komme, wird mein Herz manchmal laut und fragt mich, ob wir nochmal drüber reden wollen. Ja, ja reden wir drüber, heute sogar lieber als noch vor ein paar Jahren. So viel, wie diese Zeit in mir zerstört hat, so viel hat mir diese Zeit damals auch gegeben. Viel Erfahrung, viel Selbstwert im Nachhinein, manch schönen, unvergesslichen Augenblick und die Gewissheit; ich bin fähig, einen Menschen so zu lieben, wie er nun mal ist. Nur musste ich danach noch lernen, mich dafür nicht selbst aufzugeben und mich selbst jederzeit zu lieben. Damit mein Herz überlebt, wenn das Liebste geht und nicht sterben muss, weil es verlassen wurde…

So vieles ging mir gestern durch den Kopf, während ich draußen die Landschaft vorbeiziehen sah. So vieles und wisst ihr, was mich zutiefst berührt hat? In meinen Gedanken sprach mein Herz bayerisch mit mir und manches mal musste ich lächeln, während ich ihm lauschte. Wisst ihr, womit es das Gespräch anfing? Mit den Worten „Wir sind vielen Menschen begegnet auf unserem Weg und ich möcht keinen missen davon. Jeder hat uns was beigebracht, jeder…“ (Mia ham vui Leid droffa auf unsam Weg und i mecht koan missn davo. Jeda hod uns was beibrocht, a jeda…“). Ja, da hast du recht, mein kleines Herz; wir haben von jedem was gelernt; von ihm damals, dass manche Menschen weitaus mehr Liebe brauchen, als sie scheinbar verdienen…

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

 

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