18. Juli … von braun auf grau in zehn Jahren…

Als wir gestern wieder zur Therapie von meinem Sohn waren, sind wir vorher noch auf den Spielplatz in der Nähe. Wie fast jedes mal waren wir 20 Minuten zu früh da, was daran liegt, dass wir 30 km fahren müssen und uns direkt nach der Schule auf den Weg machen. Je nach Verkehr kommen wir pünktlich oder zu früh. Die Zeit überbrücken wir dann gerne mit einer Brotzeit auf dem Spielplatz. Mein Sohn wollte gestern ein Bild von der Seilbahn, auf der er saß. Ich zückte mein Handy, knipste ihn und dann machte ich was sehr seltenes; ein Selfie von mir. Junge, Junge, das hätte ich mal besser sein lassen. Ich werde ja schneller grau, als ich „Wah!“ schreien kann!!!

„Nici, du wirst alt!“, hab ich mir da gedacht und jedes mal, wenn dieser Gedanke in mir aufkommt, rattert mein Leben kurz durch mein Hirn. Wie Dias, die mir dann mal eben geistig bestätigen müssen; sieh her, SO alt sogar!!! Allerdings ist mir das ziemlich egal, mein kleines, süßes Leben. Und weißt du, warum? Weil ich heute sagen kann, dass ich dich immer geliebt habe. So schwer du manchmal warst, so dunkel, so zornig, so fremd und brutal, so schön bist du geworden, so bunt und so gut! Und nein, du bist heute nicht besser zu mir, als früher. Nur habe ich dazu gelernt. Ich lernte, in der Dunkelheit zu sehen und ohne Herz zu lieben. Ich lernte glauben, ohne eine Religion zu haben und hoffen, auch wenn der Verstand längst aufgegeben hat. Ich lernte, in Demut zu bitten, statt voll Jähzorn zu urteilen und alles zu schätzen, was du mir schenkst. Ich lernte, in Dankbarkeit zu lieben, was fort ist und loszulassen, was mir am wichtigsten ist. Du lehrst, du gibst, du nimmst, du verletzt, du feierst mit mir… Alles zu seiner Zeit und ich erkenne immer mehr, welche Reaktion auf deine Launen die richtige ist.

Meine erste graue Haarsträhne bekam ich quasi über Nacht, da war ich 19 Jahre jung. Ich erblickte sie morgens, am Tag nachdem meine Zwillinge starben. Inzwischen beherrscht grau bald meinen halben Kopf und das meiste kam in den letzten zehn Jahren dazu. Früher hab ich auf die Frage „Wie alt wärst du gerne“ immer gesagt; 80! Auf die Nachfrage, warum, gab ich immer die Antwort; weil ich dann alt und ergraut gemütlich im Schaukelstuhl beim Stricken sitzen könnte und vor allem wüsste ich dann, wie ich es gemacht habe! Wie ich mein Leben bewältigt habe über so viele Jahre hinweg… Heute sage ich, ich bin genau richtig so, wie ich bin. Keinen Tag zu alt, kein Jahr zu viel, keine Sekunde umsonst gelebt. Und mir ist es ganz egal, wie ich es gemacht habe. In meinem Herzen, in meinem Geist, in meiner uralten Seele werd ich immer jung bleiben…

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