10. Juni … die ist ja nur Hausfrau…

Manchmal wird mir bewusst, wie wenig Menschen tatsächlich begriffen haben, wie mein Leben aussieht. Vor allem merke ich das ganz besonders, wenn ich mit jemandem rede, der es ganz genau versteht. Weil er selbst in solch einem Gefängnis sitzt und doch Zufriedenheit lebt. Zufriedenheit hinter Gitterstäben, immer den Blick auf die Freiheit und den Horizont…

Hab ich nicht mal behauptet, ich wäre frei? Nein, das behaupte ich nicht nur, ich bin es. Weil ich gelernt habe, so zu leben, wie es mir die Gesellschaft bis heute verbieten möchte. „Ich könnte so nicht leben“ ist der Satz, den ich in den letzten zehn Jahren am häufigsten gehört habe. Und wie viele Menschen habe ich in dieser Zeit enttäuscht; enttäuscht, weil ich einfach nicht in die Knie gegangen bin, wie man es von mir erwartet hat. Und für alle, die noch immer darauf warten; ich werde es nie tun! *ätsch*

Gestern rief mein Sohn der Nachbarin – sie stand auf dem Balkon – „Schöne Ferien“ zu. Sie meinte, sie hätte keine Ferien, müsse arbeiten. Aber seine Mama hätte sicher auch Ferien, sie sei ja nur Hausfrau. Dass ich direkt unter ihrem Balkon stand, hat sie, glaube ich, übersehen…

Ja, ich bin nur Hausfrau. Ich wasche; all die kleinen und großen Unfälle meines Sohnes, manchmal mehrmals täglich. Nebenbei auch die restliche Wäsche… Ich putze; das Bad, nachdem es geflutet wurde bei dem Versuch, meinen Großen zu waschen. Die Küche, wenn das Stück Fleisch nicht exakt dort gelegen hat, wo es seiner unausgesprochenen Meinung nach hätte liegen sollen. Die Scherben fege ich dann weg von meinem Geschirr, kratz die Resten von meiner Wand und wische auf, was auf den Boden fiel. Und nebenbei auch den ganzen Rest… Manchmal spiele ich sogar, bastel, improvisiere; ich beschäftige mein Kind, an schulfreien Tagen bis zu 14 Stunden am Tag weil er sich nicht alleine beschäftigen kann… Ich bin so frech und schlafe manchmal sogar. Nachts, wenn endlich alles erledigt ist. Und mit etwas Glück kann ich ein paar Stunden durchschlafen, bevor mein Sohn das erste mal brüllt. Er muss aufs Klo, es ist zu hell, zu warm, die lila Spinnweben sind wieder da, es tut was weh, regnet es? Die Nächte im Jahr, welche ich nicht ein mal aufstehen musste kann ich an einer Hand abzählen… Und ich rede den ganzen Tag; das heißt, ich antworte, denn mein Sohn ist niemals still, fragt pausenlos, plappert immerzu. Manchmal geh ich sogar arbeiten. Nur paar mal die Woche, ich weiß, das ist wenig. Aber besser, als nur daheim zu sitzen…

Liebe Nachbarin, ich lasse mich nicht bewerten, zum Glück. Sonst hätte ich mich fast aufregen müssen über deine Reduzierung meiner selbst. In deinen Augen bin ich nur Hausfrau, die immer Zuhause sitzt. Wohl kaum, aber das muss ich dir ganz sicher nicht erklären. Aber eines, eines das weiß ich gewiss; hättest du ein erfülltes, schönes Leben, so wie ich, dann müsstest du nicht über meines urteilen. Übrigens, die nächsten zwei Wochen geh ich nicht arbeiten. Nur meinen minderwertigen Hausfrauenjob, den erledige ich trotzdem. Und ganz nebenbei werd ich mich sogar um meine Kinder kümmern… 😉

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