3. April … wenn gar nichts mehr geht und du nicht mehr reden willst…

Wenn Menschen beschließen, nicht mehr leben zu wollen; was geht dann in ihnen vor? Ich meine, was genau zerbricht in dem Moment in einem selbst, wenn man tatsächlich den Mut aufbringt, sich selbst das Leben zu nehmen? Und ich sage bewusst „Mut“, denn ich weiß, wovon ich rede. Bei mir war es eine Kurzschlussreaktion; nichts geplantes, nichts gewolltes, sondern an einem sehr tiefen Punkt in meinem Leben der plötzliche, sehr intensive Wunsch, sterben zu können, zu dürfen. Dieses tiefe Gefühl in mir, mit absoluter Sicherheit zu wissen; das ist der einzige Weg, frei zu sein. Frei vom Schmerz – in der Seele und im Herz – , frei von der Angst – vor sich selbst, vor dem Leben und vor allem frei von seinem Geist, der einen in der Finsternis fesselt und frei von dieser manchmal so beschissenen Welt. Ich wollte einfach nur sterben, nichts mehr sehen, hören und vor allem – nie wieder fühlen! Bei meinem ersten Versuch hatte ich diese Tabletten plötzlich in der Hand und ohne drüber nachzudenken setzte ich mich seelenruhig mit einer Wasserflasche an den Tisch und fing an, sie zu schlucken. Ich hatte etwa die halbe Packung geschluckt, als ein Kumpel von mir zur Tür rein kam, sich neben mich setzte und ansah. Er tat nichts, außer mir zuzusehen und irgendwann sagte er: „Friss das Zeug ruhig weiter, irgendwann wird es dir die Lunge schon zerreißen.“ Kurze Zeit nach diesem Satz muss ich das Bewusstsein verloren haben und er blieb bei mir, bis ich durch diesen kläglichen Versuch durch war…

Für mich spielt es keine Rolle mehr, warum, weshalb oder wieso ich das damals gemacht habe. Vielmehr werde ich dieses Gefühl in meinem Herzen – und es war damals seit sehr langer Zeit das erste Gefühl in dieser Gegend für mich – nie vergessen. Diese Schwerelosigkeit, wenn die Gleichgültigkeit verschwindet – endlich – und diese Wärme einen durchflutet. Sterben – dieses Wort hat mich damals regelrecht berauscht. War wie ein Ruf, der durch meinen Kopf hallte und ich wusste, ich würde ihm folgen. Von einem Moment auf den anderen, ohne Vorwarnung. Wie eine brutale Keule, die einen mitten ins Gesicht trifft und in die Knie zwingt. Ich verstehe Menschen, die sagen, sie wollen sterben. Wer diesen Ruf aus seinem Innersten heraus jemals gehört hat, weiß, wie das ist. Und nein, da hilft kein Reden mehr. Da holt man niemanden mehr raus…

Mich selbst beschäftigt dieser Vorfall in meinem Leben nicht mehr wirklich. Ich weiß, heute bin ich weit stärker als dieser Ruf. Sollte ich ihn jemals wieder hören, ich werd widerstehen. Wenn man an einen Punkt im Leben kommt, wo rein gar nichts mehr weh tut; nichts und man kann sich selbst nicht einmal mehr Leid zufügen, dann wird es gefährlich still in einem selbst. Vielleicht stehe ich deswegen von Zeit zu Zeit noch heute an einem Abgrund und such den Schmerz. Wer fühlen kann, der lebt. Und wenn man sich selbst Leid zufügen muss, um sich selbst wieder zu spüren, aber man fühlt. Ein guter Freund hat dieses Gefühl fürs Leben – sich selbst zu fühlen – grad für einen Moment verloren. Er hat auch diesen Ruf gehört, ist ihm gefolgt, hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Er hat überlebt und ich weiß, jetzt kommt der schlimme Teil für ihn; er muss lernen, damit zu leben. Er muss lernen, damit zu leben, dass er sich selbst überlebt hat und für mich war das damals ein brutaler Lehrgang. Ich wünsche ihm alle Kraft der Welt und den Mut, wieder stärker zu werden, als seine Angst. Angst – das war eines unserer letzten Gespräche vor kurzem und dann wurde es still um ihn…

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s