30. März … mir muss es heut nicht gut gehen…

21 Jahre sind vergangen seit meinem schwersten Tag. 21 Jahre voller Sehnsucht, Schmerz und Erinnerung an euch, meine geliebten Zwillinge. Ich hab euch nie Namen gegeben; nicht, weil ihr keine verdient habt, nein, weil ich euch nie hätte gerecht werden können mit einem Namen. Welcher Name hätte genügt, euch meine Liebe mit auf den Weg zu geben, welcher Name hätte eure Schönheit beschrieben, die ihr in meinem Herzen habt? Keiner…

Als ich vor 21 Jahren mit Tabletten versuchte, mein damals erbärmliches Leben zu beenden, wusste ich nicht, dass ihr in mir existiert. Ich wusste es einfach nicht. Alles, was ich wusste, war, dass mich dieser Schmerz in mir zerstört. Dieser Hass und diese Wut in mir, so endlos. Ihr seid nicht aus Liebe entstanden und das, was ein Mensch damals mit mir gemacht hat, fraß mich auf. Ich sah nur diesen einen Weg da raus und so schluckte ich eine Tablette nach der anderen. Immer wieder, immer mehr, bis ich bewusstlos wurde. Überlebt habe ich nur, weil mich ein Freund damals fand und bei mir blieb. Schlafend habe ich mich übergeben, während er über mich wachte. Mir fehlen bis heute dieser eine Tag, zwei Nächte und der Tag dazwischen. Als ich wieder richtig wach wurde, war ich noch wütender und noch mehr mit Hass erfüllt; ich wollte doch sterben! Und dann erfuhr ich von eurer Existenz, von diesem Wunder in mir und meine Welt zerbrach endgültig. Was ich unbeschadet überlebt habe – der Versuch, mich mit Tabletten zu vergiften – war für euch höchstwahrscheinlich sehr schädlich gewesen. Eine Woche Zeit gab man mir, mich zu entscheiden, ob ich euch zur Welt bringen werde oder nicht. Eine Woche, die mich mehr entzweit und auseinander gerissen hat, als alles andere auf dieser Welt! An unserem letzten, gemeinsamen Abend stand ich draußen in der Nacht, hab euch den Stern gezeigt, auf den ihr gehen solltet und hab euch still um Verzeihung gebeten. Am nächsten Tag ließ ich euch sterben und ein Teil von mir starb mit euch…

Um irgendetwas wieder gutzumachen, fing ich endlich eine Ausbildung an. Am wunderschönen Tegernsee bekam ich ein Personalzimmer und lernte Hotelfachfrau. Im Herbst, als euer Entbindungstermin gewesen wäre, hörte ich nachts zum ersten mal Babys schreien. Am nächsten Tag fragte ich mich durchs ganze Haus; wer hatte Babys im Haus gehabt über Nacht? Niemand wusste davon, niemand hatte welche schreien gehört. Auch nicht in der folgenden Nacht oder in der darauf. Allein ich konnte diese Babys hören, meine Babys. Zehn Jahre lang schrien sie jede Nacht und ich erkannte diese Tatsache als meine Schuld an, die ich zu tragen hatte. Ich habe Engel aus meinen Kindern gemacht, ohne sie je gekannt zu haben, ohne ihnen je eine Chance auf dieser Welt gegeben zu haben und nur, weil ich einen großen Fehler gemacht hatte.

Schuld; ich habe sie zehn Jahre still und schweigend getragen, ertragen, hingenommen. Bis zu dem Tag, als ich mich selbst nicht mehr ertragen konnte und mir einen Strick nahm. Ich konnte diese leblose Hülle, die ich geworden war, nicht länger aushalten; bring dich endlich um – hab ich zu mir gesagt und mir zum ersten mal seit langem in die Augen gesehen. „Es tut so weh!“ sagten sie mir und ich fragte „Was? Was tut weh?“ Ich sah an mir herunter und zum ersten mal sah ich dieses klaffende Loch in meiner Brust. Da hatte man mir mein Herz herausgerissen, als meine Zwillinge starben; da tat es weh! Noch die ganze Nacht hab ich damals mit dem Strick in der Hand mit mir selbst gekämpft; sterben oder leben?

Wie ihr seht, bin ich noch da, meine geliebten Engel. Ich bin noch da, hab zwei wundervolle Kinder bekommen und seither schweigt ihr; ihr wisst nicht, wie dankbar ich dafür bin! Ich muss mein Leben noch zu Ende leben, ob verdient oder nicht, aber ich muss zu Ende bringen, was ich angefangen habe und dann komm ich heim zu euch auf unseren Stern. Ich freu mich darauf, euch endlich zu sehen und in meinem Herzen seid ihr immer! Mama liebt euch und vergisst euch nie! Ich musste mir selbst verzeihen, was ich euch angetan habe, um weiterleben zu können und das fiel mir so schwer.

Heut ist euer Sterbetag; der Tag im Jahr, an dem ich mir erlaube, in die Knie zu gehen. Schwach zu sein. Zu Weinen. Heute darf es weh tun. Ihr ward ein Geschenk, welches ich damals nicht annehmen konnte; mein Geschenk an euch war meine endlose Liebe, mein Herz, welches ich mit euch begraben habe. Mama liebt euch noch immer, ihr seid mein Licht, welches nie leuchten durfte und doch nie ganz erloschen ist; für die Ewigkeit…

Eure Mama, die endlich weint

 

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu „30. März … mir muss es heut nicht gut gehen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s