6. März … mein Körper, der Kadaver…

So, mein kleiner geliebter Kadaver, es ist Zeit für uns beide, dass wir uns mal ein wenig unterhalten. Ich weiß, ich war nicht immer besonders nett zu dir und es gab Zeiten, da hab ich wohl zuviel von dir verlangt. Als Kind hab ich schon Narben gesammelt; als sich die Kieselsteine beim Fallen in mein Knie bohrten; die Glasscherbe genau über meinem Bein aus meiner Hand rutschte und in meinem Knie stecken blieb; das verbogene Nummernschild, an dem mein Bein hängen blieb und sich ins Fleisch bohrte; die Handbremse von meinem Montainbike, welche sich zwischen meinen Fingern ins Fleisch grub… Ich glaub, ich war ein wildes Kind. Später nahm ich manchmal selbst ein Messer in die Hand und grub mir Furchen damit auf die Unterarme. Ich hab dich gequält, nur um mich selbst spüren zu können. Manchmal hab ich sinnlos Tabletten in dich reingeworfen, einmal sogar viel zu viele. Selbst das hast du mit einem müden Lächeln weggesteckt; ob du es mir auch verzeihen konntest, weiß ich bis heute nicht.

Eine zeitlang hab ich dich kaum schlafen lassen, dich mit verschiedensten Substanzen wach gehalten. Hab dich arbeiten lassen, Stunde um Stunde, bis alles was dich ausmacht nur noch schmerzte. Dann hab ich meine Kinder auf die Erde geholt, das hat dir arg zugesetzt. Beim ersten Kind hast du stand gehalten, nur die Venen haben gelitten. Doch beim zweiten bist du ganz schön in die Knie gegangen; Krämpfe haben dich gebeutelt; die Venen schmerzten und wurden dunkel; die Leisten haben nachgegeben, aber du hast gekämpft. Und es geschafft, auch den Krebs.

Irgendwann hab ich dir den Meniskus zerstört, wir haben es beide so recht nicht gemerkt. Erst Jahre später, als das Ding dann verknorpelt das Knie anfing zu blockieren hab ich es richten lassen. Ein Jahr später haben sie dir einen Meter Vene aus dem Bein gezogen; die war so breit und dünn, jede Wurstpelle wäre neidisch geworden. Jahrelanges Stehen und Gehen haben das angefangen, die Schwangerschaften zu Ende gebracht.

Mein kleiner geliebter Kadaver, was ich dir sagen wollt; ich find dich schön, noch immer schön. Mit deinen Narben unserer durchlebten Zeit, mit den Spuren der Vergangenheit, mit den Falten unserer Sorgen aber auch jedes Lachens. Ich finde dich schön und bin unendlich stolz auf dich, dass du noch immer aufrecht stehst und weitermachst, obwohl ich manchmal schlecht umgegangen bin mit dir. Die nächsten 40 Jahre geb ich auf dich acht, auch wenn ich gar nicht so alt werden möchte. Aber ich werd aufpassen auf dich und irgendwann werd ich sagen können; das alte Mädchen hier hat ganz schön was mitgemacht mit mir. Aber sie hat es geschafft und jetzt gehen wir heim!

 

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2 Kommentare zu „6. März … mein Körper, der Kadaver…

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