5. März … ich kann so leben, keine Sorge…

„Ich könnte so nicht leben“ – ihr glaubt gar nicht, wie oft ich das zu hören bekomm. Früher hab ich mir noch die Mühe gemacht, zu fragen: „Wie lebe ich denn?“. Heute stelle ich nicht mal mehr diese Frage. Meistens lächel ich nur und lass das alles so im Raum stehen. Als mein Mutterdasein vor fast zehn Jahren anfing, fehlte mir auch noch einiges. Kontakt zur Außenwelt; Gespräche über Gott und die Welt; spontan einfach mal was unternehmen; abends mal raus zum Tanzen; selbst mein letztes, innig geliebtes Auto vermisste ich anfangs. Nicht mal meinen Alfa Romeo hatte ich finanziell halten können. Und dabei hatten genau diese Dinge mein Leben bestimmt; unabhängig und frei spontan überall hinzukönnen, raus aus der Stille, rein ins Leben. Auf einen Schlag war das alles vorbei. Nicht nur vorübergehend, mal eben eingeschränkt, sondern durch die Behinderung meines Sohnes bis auf weiteres ausgelöscht.

Zum Glück begriff ich das anfangs gar nicht. Während ich die Stille bekämpfte und versuchte, oft nahezu schlaflos unseren Tagesablauf und die Nächte zu überstehen, dämmerte mir erst langsam, dass etwas nicht stimmte. Neben anderen Babys war mein Sohn von Anfang an anders; ich hielt es allerdings für normal, schließlich sind alle Menschen verschieden. Bis immer mehr sichtbar und erkennbar wurde, wie sehr mein Großer anders ist. Heute erkennen wir beide sehr gut, was er sich zutrauen kann und was nicht. Wie stabil er in der Gesellschaft wirken und bestehen kann und wo seine Grenzen dort sind. In solchen Dingen sind wir ein tolles Team geworden. Der Käfig, in dem mein Leben durch ihn stattfindet, ist immer noch da. Aber über die Jahre haben wir ihn vergoldet, wohnlich gemacht, zu unserem Zuhause umfunktioniert. Wir sind einander nicht nur das Liebste geworden. So wie ich seine Grenze geworden bin, so ist er meine Herausforderung geworden. Geduld heißt bei ihm das Zauberwort und genau die gilt es, an ihm zu lernen. Und zwar nicht irgendwann, sondern möglichst bald, um ihm gerecht zu werden.

Also wer auch immer mir sagt, er könne so nicht leben; schade für ihn. Das wertvollste in meinem Leben ist nicht die Lektion, die ich zu lernen habe, sondern die beiden Menschen, durch die ich lernen darf. Die mir gezeigt haben, wie wertvoll das Leben ist und was wirklich zählt. Wo ich früher die Stäbe von meinem Käfig gesehen habe, wenn ich sehnsüchtig nach draußen blickte, sehe ich heute blauen Himmel. Einen Horizont, der mich immer wissen lässt; was mir heute unerreichbar scheint, wird es so lange bleiben, bis ich bereit sein werde, den ersten Schritt in seine Richtung zu machen. Alles zu seiner Zeit, sagt meine Geduld und dann schweigt sie wieder. „Alles zu seiner Zeit“, wiederhole ich leise und seh meinen Sohn an. Wie groß er geworden ist, wie stark und wie viel er mich schon gelehrt hat. „Danke“, sage ich zu ihm, während ich lächel. „Wofür danke, Mama?“, möchte er wissen. „Dass es dich gibt. Einfach nur dafür, dass es dich gibt!“, beantworte ich seine Frage. „Bitte, gern!“, kommt es ganz höflich von ihm und dann lacht er…

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2 Kommentare zu „5. März … ich kann so leben, keine Sorge…

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