27. Februar … ich kann deinen Schmerz spüren…

Gibt es einen besseren Ort, um über Schmerz nachzudenken, als beim Zahnarzt? Genau diese Frage hatte ich gestern im Kopf, während ich zur Zahnreinigung  auf dem Stuhl lag. Ich mag Zahnarzt nicht, geb ich zu. Meine zum Teil extrem sensiblen Zähne leiden da ziemlich viel, wenn die da eine halbe Stunde lang sauber machen. Also lag ich da gestern, so entspannt es mein „Ich schaff das – Ooommmmmmmmm“ – Mantra zuließ und beschimpfte in Gedanken die arme Zahnarzthelferin jedes mal, wenn sie einen empfindlichen Zahnhals traf. Als sie gestern dann fertig war, entschuldigte ich mich bei ihr. Wofür wollte sie von mir wissen. „Für alles, was ich Sie gedanklich heiße, wenn Sie mich hier foltern“, war meine Antwort und wir mussten beide lachen.

Was ist nun Schmerz? Der, den wir fühlen, wenn wir uns verletzen? Der schnelle, vorübergehende Schmerz einer kleinen Wunde? Was ist mit dem Schmerz, den wir fühlen, wenn wir uns unser Herz rausreißen lassen? Nicht einfach so, sondern mit dem Wissen, dass dies der letzte Schmerz für einen ist, danach wird man keinen mehr fühlen. Oder der Schmerz, der sich in uns ausbreitet, wenn wir enttäuscht, verletzt, betrogen worden sind. Wenn wir nicht aufpassen, höhlt er uns aus und lässt kaum was von uns über…

Was ist mit dem Schmerz von Menschen mit chronischen Schmerzen? Meine Mutter und ich sind nicht immer einer Meinung, auch wenn wir uns darum bemühen. Was meine Grundmauern aber etwas erschüttert hat, war ein Geständnis meiner Mutter; einer Frau, die sich durch ihr Leben gekämpft hat, so unerschrocken und oft allein, dass man glauben müsste, selbst Chuck Norris und Rambo persönlich müssten blass aussehen neben ihr. Und dann steht diese Frau vor mir und sagt: „Ich mag so nicht mehr leben, ganz ehrlich. Wenn man Schmerzen hat, überall, immer. Das will ich nicht.“ Ich wollte grad loslegen: „Mama, denk nicht so…“, aber ich holte tief Luft und ließ das Wort Schmerz durch meine Adern fließen. Und meine Gedanken katapultierten mich um Jahre zurück; der Schmerz, als mein Herz zum ersten mal leise brach; der Schmerz, als ich meine geliebten Zwillinge gehen lassen musste; der Schmerz, den die Einsamkeit immer hinterließ, wenn sie laut und bedrohend vorbeikam und meistens nicht vorhatte, so schnell wieder zu gehen; der Schmerz, als die Rückenmarkbetäubung nicht richtig saß und man meinen Bauch aufschnitt, damit mein Kind zur Welt kommen konnte. Nur ein einziges mal fühlte ich noch wirklichen Schmerz, seit ich Kinder habe; als ich mir das Herz ausreißen ließ. Seither ist Ruhe.

Ich erinnerte mich an meinen tiefsten Schmerz, wie er mich krank gemacht hat, gelähmt hat, betäubt hat, machtlos über mich kam und zum Teil so brutal von innen her auffraß, dass ich manchmal glauben musste, er würde nichts übrig lassen von mir. Nichts, außer vielleicht meinen Schmerz. Und dann sagte ich zu meiner Mutter: „Ich kann dich so gut verstehen! Und ich werde da sein, wenn es soweit ist.“ Meine Mutter hat Osteoporose, Schmerzen vor allem im Rücken. Meine Oma hat fast 12 Jahre zum Sterben gebraucht, die hatte durch die Osteoporose kaum noch einen heilen Knochen im Körper; jede Bewegung ein Bruch. Schmerzen, die wir uns nicht vorstellen können. Wenn meine Mutter in dieses rote Stadium rutschen wird, kenn ich unseren Weg und ich werd ihn gehen, mit ihr. Schmerz ist manchmal nicht allein die Sache derer, die ihn fühlen und aushalten müssen, sondern auch von denen, die beim Leiden machtlos daneben stehen. Da kommt die Liebe wieder ins Spiel; wir können den Schmerz jener spüren, die wir lieben und das ist oft der schlimmste Schmerz…

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