12. November … Papa, wo endet der Regenbogen?

Hallo Papa,

heute vor 17 Jahren hab ich an deinem Bett gesessen und das erste und letzte mal in meinem Leben deine Hand gehalten. Nie war ich dir näher, nie haben wir – oder besser gesagt ich, das Morphium hinderte dich daran – mehr gesprochen, nie hat mir ein Wiedersehen und zugleich ein Abschied so sehr weh getan als heute vor 17 Jahren. Fast sechs Jahre hatten wir uns nicht gesehen, uns angeschwiegen, ignoriert. Ich hatte dir noch mit auf den Weg gegeben, dass du wegen mir gern einfach nur elendig verrecken kannst. Als ich das sagte, war mir nicht klar, dass du mir genau den Gefallen tun würdest und ich dir dabei beinahe zusehen musste. Ich war so voller Wut und Hass und wollte dich nie wieder sehen. 16 Jahre war ich alt, als du mein Elternhaus verlassen hast und fast sechs Jahre hat es gedauert, bis wir uns wiedersahen. Gegangen warst du damals laut und aufrecht, furchterregend, mit vielen Drohungen und tobend vor Wut. Egal, wie sehr ich dich dafür gehasst und verabscheut habe; ich war nicht darauf gefasst, von dir nur wiederzusehen, was von dir übrig geblieben war. Noch heute hab ich dieses Bild vor Augen; deine eingefallenen Wangen, die tiefen Augenhöhlen, in denen deine trüb gewordenen Augen ruhten. Was hätte ich dafür gegeben, sicher sein zu können, dass du mich ein letztes mal hörst? Nur um dir mein Leben zu erklären und die Tatsache, warum es nicht für uns beide gereicht hat. Und jedes mal, wenn mir das bewusst wurde – dass das meine letzte Chance war, dir irgendetwas mitzuteilen; dass ich danach deine Augen nie wieder sehen und deine Hand nie wieder halten werde; dass ich nie wieder die Möglichkeit haben werde, dir zu danken für mein Leben und dich um Verzeihung zu bitten, dafür, dass ich es einfach nicht leben konnte – fing ich an zu weinen und brachte kein Wort mehr heraus.

Papa. wenn ich eines heute versteh; es gibt in diesem Leben hier auf dieser Welt nichts zu verstehen – dafür sind wir einfach nicht hier. Wir können nur unseren Weg gehen, im Vertrauen. Ein Stück hinter unseren Ahnen, ein paar Schritte vor unseren Nachkommen. Es spielt keine Rolle, ob wir einander geliebt haben; Tatsache ist, du warst und dadurch konnte ich entstehen. Und wenn mich diese Tatsache nicht mit Liebe füllt, dass du mir mein Leben erst geschenkt hast, dann wird mich nichts auf dieser Welt mit Liebe füllen können. In einem deiner Lieder hieß es „Wenn ich jetzt gehen müsste, in diesem Augenblick; dann hebt die Gläser, alle; denn es gibt kein zurück…“ Wir haben nie ein Glas auf dich gehoben, nicht damals und nicht heute; das hab ich immer ganz still und leise allein getan. Was wir alle getan haben, war, zu lernen, dich zu lieben – so wie du nun mal warst. Und zu lernen, dass es kein zurück mehr gibt; auch ich muss damit leben, dass du fort bist, für immer und ich dich eigentlich nie wirklich gekannt habe. Ich bin mir sicher, wir sehen uns hinter dem Regenbogen wieder und dann holen wir nach, was wir zu Lebzeiten versäumt haben.

Schlaf gut, Papa; wo auch immer du schläfst, seit man dein Grab einfach ausgehoben hat. Falls du nicht weißt, wohin zum Schlafen; in meinem Herzen wär noch Platz, dort kannst du schlafen, so viel du willst. Du fehlst!

Deine Tochter

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2 Kommentare zu „12. November … Papa, wo endet der Regenbogen?

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