14. Oktober Ich, der Mörder… und was es den Papst angeht…

Papst. Tatsächlich diskutieren zur Zeit viele Menschen über den Papst. Auch mir wurde vorherorakelt, dass ich ihn wohl erwähnen werde. Will ich das? Nein!
Aber da sitzt jetzt ein Stachel in meinem einst verwundeten Herz und ich werd einen Teufel tun und ihn dort stecken lassen! Ich hab noch gesagt, das Thema Papst und seine Aussage möchte ich eher vermeiden, da es für mich bedeuten würde, mich hier nackt zu machen. Nackt vor Menschen, die sagen: „Abtreibung ist Mord.“ Ich hab das Wort Abtreibung in meinem ganzen Leben noch nie ausgesprochen und ich habe nicht vor, es zu ändern.
Was ich ändern möchte – wahrscheinlich nie kann, aber doch so sehr will – ist die Tatsache, dass sich Frauen wieder und wieder rechtfertigen müssen für eine Entscheidung, die sie getroffen haben – und was jetzt eigentlich äußerst banal klingt ist in Wirklichkeit etwas, was einen innerlich zerstören kann! Ein Schwangerschaftsabbruch ist nicht ein kurzer Arztbesuch, sondern fängt mit der Tatsache an, schwanger zu sein – ein Kind in sich zu tragen. Ein Kind, das man behüten und beschützen sollte und will und das man liebt ab dem Moment, wo man von seiner Anwesenheit weiß. Solche ein Kind trägt man in sich. Manchmal zu einem Zeitpunkt, in dem man selbst kaum fähig ist, vernünftig zu überleben. Manchmal entstanden, ohne dass Liebe im Spiel war; mehr noch, manchmal sogar Gewalt im Spiel war und nicht mal gegenseitiges Einverständnis.
Manchmal liegt es in der Natur, dass man ein Kind in sich trägt, welches wahrscheinlich lebensunfähig ist oder nur mit großen Einschränkungen leben wird.
Manchmal trifft im schlimmsten Fall mehreres davon zusammen.
Und dann hat man wenige Wochen, vielleicht auch nur eine, Zeit, herauszufinden, wie viel davon man wohl ertragen kann. Aushalten kann. Leben kann. Lieben kann.
Diese scheinbar so banale Entscheidung – ein Kind zu bekommen oder nicht – wird somit unter Zeitdruck eine Entscheidung, die einen innerlich zerreißt. Wahrscheinlich die schwerste, die man je trifft. Eine Entscheidung, die einem letztendlich das Herz heraus reißt und wenn man sie dann getroffen hat, dann stopft irgendwas oder irgendwer die Reste von diesem Herz zurück in deine blutende, zerfetzte Brust und man versucht von da weg, irgendwie damit zu leben. Man lernt tatsächlich, damit zu leben, wenn auch mit einer leisen Stimme im Nacken, die einem wieder und wieder zuflüstert, dass man es eigentlich gar nicht mehr wert ist, am Leben zu sein. Dass man dieses Recht dazu verwirkt hat.
Nach viel Dunkelheit und unzähligen schlaflosen Nächten, in denen man wieder und wieder ein Kind schreien hört – jenes, dem man das Leben verwehrt hat – verstummt dieses Flüstern, welches einem jahrelang zugeraunt hat, welch Monster man ist. Und dann wird es still, ganz still und alles, was man noch hört, ist dieses Kind, welches Nacht für Nacht weint…
Und wenn man all diese Dämonen besiegt hat, die diese Entscheidung geboren hat, dann versucht man, irgendwie zu überleben. Mit der Schuld. Mit dem Wissen, versagt zu haben. Mit diesem zerrisenen Herz. Mit diesem Loch in der Brust, welches man sich selbst gerissen hat und deswegen auch nie geklagt hat.
Und wenn es gelingt, endlich wieder so etwas wie ein Leben zu führen, dann begegnen einem Menschen, die den Finger heben, auf deine wunde Brust zeigen und dich Mörder nennen.
Schlagartig sind sie wieder wach, die Dämonen.
Schlagartig weiß man wieder, warum man immer geschwiegen und nie darüber geredet hat; und das, obwohl reden oft so sehr hilft!
Schlagartig liegt man wieder auf diesem Stuhl, auf dem sein Kind sterben musste. Das Herz rast wieder, die Tränen laufen heiß die Wangen runter, es ist so kalt, es tut so weh, das Herz tut so weh; man durchlebt alles nochmal, als wär man wieder dort und dann fängt man wieder von vorne an…

Ich hab den Papst für einen klugen Mann gehalten und nun macht er das, was die Gesellschaft uns immer wieder antut und womit sie uns stets zum Schweigen bringt; er zerreisst uns nochmal!
Wegen Menschen wie dem Papst, die uns richten, schweigen wir und ersticken lieber an unserem Schmerz als zu gestehen; JA, ICH HABE ES GETAN! Und JA, es hat mein Leben zerstört. Ich habe nicht nur mein Kind ermordet, sondern auch mich selbst. Und ich habe Jahre gebraucht, um das, was von mir übrig war, wiederzubeleben.
JA, ich habe als Christ versagt, weil ich als Mutter nicht vor meinem Kind versagen wollte. Damit bin ich nicht nur Mörder, sondern auch Egoist!

Lieber Papst, Ich bete für jede Frau – und das obwohl ich äußerst selten bete – dass sie diese Hölle, durch die man geht, wenn man sich gegen sein Kind entscheidet, so überleben konnte wie ich. Und durch diese Hölle gehen viele Frauen danach. Und ich bete dafür, dass sie heute die Kraft finden, sich den Stachel, den Sie mit ihrer Aussage tief in unsere verwundeten Herzen getrieben haben, wieder herausziehen können, so wie ich.
Vor Gott sind wir alle gleich. Auch ich, auch wir. Vielleicht darf ich Sie daran erinnern, in Eurer Barmherzigkeit!

Einen Kuß an meine Sternenkinder, Mama liebt euch und hat euch nie vergessen. In Liebe, Mama

Ich hoffe, das war nackt genug. Aber es ist an der Zeit, das Schweigen zu brechen. Wir sind viele, auch wenn wir schweigen!

IMG_2176

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s