22. September … was mich dein Tod lehrte…

„Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen und es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.“ Unbekannt

Zur Zeit hab ich meinen Vater sehr oft in meinen Gedanken und noch immer weiß ich nicht, was er mir sagen möchte. Tatsache ist, dass plötzlich ein Foto von ihm an meinem Schreibtisch lag; eines, auf dem er an seinem Schreibtisch sitzt und einen anlacht. Jahre hab ich dieses Bild nicht mehr gesehen und jetzt liegt es da, am Fuß meines Bildschirms. Zu Lebzeiten hatten wir kaum Kontakt, obwohl wir Jahre im selben Haus verbracht haben. Als er ging, war ich voller Hass und konnte noch nicht mal sagen, warum. Vielleicht, weil er nie wirklich für uns dagewesen ist; vielleicht, weil mir all sein Geld egal war, ich hätte einfach gern Zeit mit ihm verbracht; vielleicht aber auch einfach nur für das, was er meiner Mutter angetan hat.

Nach Jahren des Schweigens fand ich an dem Tag, an dem er starb, noch rechtzeitig den Weg zu ihm. Ein letztes mal sah ich in seine Augen, hielt ich seine Hand, versuchte ich zu verstehen, dass dieser – mir eigentlich fremde Mann – Jahre meines Lebens mit mir verbracht hat und mein Vater war. Und nun lag er da, vor mir; schmerzbefreit durch Morphium, welches er gegen seinen klaren Verstand getauscht hatte. Verblasst war meine Wut, mein unbändiger Hass und ich danke heute noch dem Universum dafür, dass sich nichts davon in Mitleid verwandelt hatte, sondern in tiefe Liebe. In Liebe zu dem Menschen, der Teil meiner Herkunft ist; der mir eine wunderschöne Kindheit finanziert hat; der mir – entgegen jeder Entfernung, die menschlich zwischen uns war – in einem Brief den wunderschönen Satz hinterließ: „Du bist meine Tochter, da gibt es nichts zu verzeihen.“

An seinem letzten Tag öffnete mir mein Vater die Augen. Es spielt manchmal keine Rolle, wie sich Menschen in unserem Leben verhalten. Viel mehr kommt es darauf an, was wir von ihnen erwarten und letztendlich, wie viel wir davon annehmen. Wie gern hätte ich einen klassischen Vater gehabt, der am Frühstückstisch sitzt und uns einen guten Morgen wünscht. Der am Wochenende eine Fahrradtour mit uns macht und der ungefähr weiß, wann ich Geburtstag hab und wie alt ich werde. Vielleicht ist das die Quittung dafür; bis heute kann ich mir sein Sterbedatum nicht merken. Ich kann es nicht. Während ich exakt weiß, wann er auf diese Welt gekommen ist, blieb in mir nie haften, wann er sie wieder verlassen hat. Was blieb, ist die Erkenntnis; erst, als er seine Augen für immer zumachte, konnte ich ihn lieben. Erst an diesem Tag wuchs in mir der Wunsch; ich hätte ihn gern gekannt. Erst in seinem Tode wurde mir klar; er war mein Vater, da gibt es nichts zu verzeihen…

Blickt in lebende Augen, bevor es zu spät ist! Damit ihr die Augen derer, die ihr geliebt habt, in Frieden schließen könnt. Wir sind alle vergänglich…

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