11. September … der Mut, zu gehen…

Seit Tagen fragt sich die Welt; ist Daniel Küblböck tot? Und wenn ja, war es Selbstmord? Ich habe mich nie groß mit diesem Mann, den man aus dem Fernsehen kannte, befasst. Für mich wirkte er immer etwas verloren in dieser Welt. Mit zu vielen – vielleicht auch zu großen – Träumen in seinem Kopf, aber voller Ideen und immer wieder dem Mut, sich der Welt zu zeigen, wie er nun mal war. Und jetzt muss man davon ausgehen, dass er sich selbst das Leben nahm.

Und jetzt gibt es Menschen, die sagen: „Wurde auch Zeit“ und „War abzusehen, hat ja nichts auf die Reihe bekommen“. Und da frage ich mich; gibt es wirklich Menschen, die sich noch fragen, WARUM sich Daniel – oder Menschen, die es ähnlich schwer haben wie er – das Leben nimmt? Wenn öffentlich so viele Menschen an einem Zweifeln, nur weil man anders ist. Weil man der eine ist, der den Mut hat, mit seinen Eigenarten da raus zu gehen und sie der Welt zu zeigen. Obwohl man weiß, wie lächerlich und dumm einen manche finden, trotzdem immer zu sich zu stehen und sich weiter zu wünschen, die Welt wäre bunt genug, damit man ihn einfach so lieben könne, wie er ist. Ich weiß nicht, wie viele da draußen wirklich an diesem einen Punkt standen; sich das Leben zu nehmen. Nicht nur darüber nachzudenken, sondern dieser eine Moment, wo man kurzschlussartig den Strick, die Tabletten, die Klinge in die Hand nimmt und diesem endlosen Schmerz in sich selbst endlich besiegen will. Manche wissen glaub ich gar nicht, wie klein der Fleck Erde unter den Füßen noch ist in so einem Moment. Wie viel Abgrund – tiefer, schwarzer, gähnender Abgrund – der einen umgibt, umringt und mit der ewigen Dunkelheit umgibt. Finsternis, die nach einem greift, einen aussaugt, jede noch so kleine Hoffnung nach und nach aussaugt und nichts übrig lässt außer Schmerz und das Gefühl, verlassen zu sein. Irgendwann glaubt man sich selbst, dass es niemanden da draußen gibt, der einen versteht, einfach nur versteht. Der einen liebt, so wie man nun mal ist. Und selbst wenn man intakte Familie um einen hat, reicht eine Depression irgendwann, um nichts positives mehr wahrzunehmen. Wenn die Dunkelheit erst mal Überhand gewinnt, wird es sehr, sehr schwer.

Bevor also Menschen da draußen urteilen wollen, ob es besser ist, wenn sich jemand wie Daniel das Leben nimmt; darauf gibt es definitiv nur eine Antwort: NEIN, ist es nicht. Niemand hat das Recht, zu urteilen, was lebenswert ist und was nicht. Ob es überhaupt Recht und Unrecht gibt, zu leben. Wer glaubt, über solche Dinge urteilen zu dürfen, der hat nichts, aber auch gar nichts vom Leben verstanden. Zwar habe ich mich nie groß mit Daniel befasst, als er in den Medien war, aber eines hab ich mir immer gedacht: er ist ein mutiger Mann, der weit über seine Grenzen geht, nur um er selbst sein zu können. Einer der wenigen, dem einfach nur bewusst ist, wer er ist und sich selbst erlaubt, das einfach zu sein. Egal, was die Welt davon hält, egal wer darüber lacht, egal wie viele Menschen ihn dabei nicht verstehen werden. Und dann denke ich an die vielen Menschen, die mir schon begegnet sind und mir ihre dunkelsten Geheimnisse anvertraut haben. Was sie tun, wenn sie alleine sind und sie sicher keiner sieht. Was sie ausleben, im Verborgenen, aus Angst vor Reaktionen, Ablehnung, Ausgrenzung. Erstaunlich viele Menschen kenne ich davon und keinen einzigen von ihnen habe ich verurteilt. Aber jetzt, jetzt frage ich mich; wie viel Mut hat Daniel wirklich gehabt? Es muss unglaublich viel gewesen sein. Und wer jetzt sagt; aber der Mut hat ihn am Ende verlassen – den muss ich enttäuschen. Wer schon mal an dem Punkt war, sich das Leben zu nehmen, der weiß eines ganz sicher; es wirklich zu tun braucht unglaublich viel Mut.

Wo auch immer du bist, Daniel, ich wünsche dir eines von Herzen; Frieden. Den Frieden, den du wahrscheinlich immer gesucht hast. Und den Menschen, die sich grade das Maul über ihn zerreißen, euch wünsche ich auch Frieden. Frieden mit eurem Geist, mit eurem eigenen ICH, mit eurem eigenen Hass. Und vielleicht irgendwann die Erkenntnis, dass auch ihr nur Menschen seid; Menschen mit Fehlern und Macken. Wie zerrissen und gespalten von sich selbst Daniel wohl war, werdet ihr nie begreifen. Und wie viele Menschen da draußen, die ihn einfach nicht das haben sein lassen, was er war, Schuld daran tragen, das ist noch weniger greifbar für euch…

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