6. August …deine Hölle ist nicht meine….

Was für interessante Gespräche man immer wieder in den Weiten des Internets führt. Zur Zeit sind ja Ferien, noch vier Wochen sind meine Kinder jetzt ununterbrochen daheim. Was für mich bedeutet, dass ich nicht auf Arbeit gehe und auch niemanden auf einen schnellen Kaffee treffen kann. Wodurch ich wieder etwas mehr im Internet unterwegs bin und mich mit vielen Leuten unterhalte. Immer wieder erstaunt mich die Aussage „Ich bin durch die Hölle gegangen.“ Menschen, die man eigentlich nicht kennt, behaupten im dritten Satz eines ersten Gespräches, sie seien durch die Hölle gegangen. Da mich dieser faszinierende Ort seit jeher interessiert, frage ich da gern mal nach; wie wars denn in der Hölle? Was hat sie ausgemacht? Und vor allem; wie hast du sie überlebt?

Und dann kommt zu 95 Prozent die Antwort: „Ich war x Jahre mit meiner Ex zusammen, das war die Hölle.“ Ich hätte ja gern Mitleid mit diesen Menschen, aber es klappt leider nie. Warum verbringe ich mehrere Jahre mit jemandem, der für mich „die Hölle“ ist? Warum – zum Teufel – geh ich da als freier Mensch nicht einfach? Und was genau ist denn die Hölle an diesem Menschen? Dass man betrogen wurde, angelogen, hintergangen, ausgenutzt? Ich würde gern mal DEN Menschen kennen lernen, der noch nichts davon erleben musste. Das sind Dinge, die unter Erfahrung laufen und jeder von uns macht. WIE LANGE das jeder mitmacht, entscheidet jeder alleine. Klar, jeder Mensch besitzt eine andere Psyche und erträgt dadurch mehr oder weniger, als andere. Und die, die wirklich durch die Hölle mussten, sind still und lächeln, wenn sie mit solchen Dingen konfrontiert werden. Weil sie froh sind, dass es um Lappalien geht und sie nicht zurück in die Hölle müssen.

Als mein Sohn damals seine Diagnose bekam und man mir klar machte, dass er damit als „Behindert“ gilt, da suchte ich mir Hilfe. Meine erste Anlaufstelle war ein Autismuszentrum und bei meinem ersten Gespräch wurde ich sehr freundlich empfangen. Ich sollte meinen Sohn beschreiben, was ich tat und die Reaktion darauf war; „Ihr Sohn ist eine Lappalie, da draußen gibt es Behinderte, die sind wirklich arm dran.“ Zunächst sehr verärgert über die Frechheit dieser Dame, brauchte ich ziemlich lange, um das einzige in diesem Satz zu begreifen, was mir weiter helfen würde. Ich kann die Welt beklagen, dass ich ein behindertes Kind habe und den Glauben in mir tragen, dass wir dadurch nur sehr wenige Möglichkeiten haben werden. ODER ich geh da raus und leb mein Leben, so wie ich es ohnehin vor hatte. Denn mein Sohn ist vielleicht behindert, aber er hat NUR Autismus. Es ist nicht entscheidend, was diese Dame aus dem Autismuszentrum in meinem Sohn – oder besser in seiner Behinderung sieht – sondern was ICH in ihm sehe. Mit ihm zusammen leben ist nicht immer leicht und noch immer ist er mein kleines, persönliches Gefängnis. Die Frage ist und bleibt aber; werd ich daran zerbrechen oder werd ich es überstehen? Ich drohte, daran zu zerbrechen, bis ich mir eines eingestand; meine Psyche ist stark genug, ich kann das überstehen!Seit über drei Jahren besitze ich sogar die Frechheit und wachse daran.

Es ist also nicht die Frage, wie hart das Leben ist und was aus einer Hölle letztendlich tatsächlich eine macht. Die Frage ist und bleibt; wie viel verträgt unsere eigene Psyche. Sie allein entscheidet, ob es die Hölle ist oder eine Lappalie. Und wenn es eine Hölle wirklich gibt, dann findet sie allein in unserem Kopf statt.

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