23. Juli … sind wir wirklich?

Im Hinblick auf meine Psychotherapeutische Ausbildung lese ich sehr viele Bücher über die menschliche Psyche. Das Thema hat mich immer fasziniert, schon als Kind und ich kann bis heute nicht genug bekommen von Wissen darüber oder auch Meinungen. Gestern stieß ich auf eine Textstelle, die beschreibt, was ich über die Wirklichkeit denke

„… Wirklichkeit ist nicht statisch, sondern ständig im Fluss und wird daher nur im Augenblick erfahrbar. Wer glaubt, er könne die Wirklichkeit festhalten, muss im nächsten Moment bemerken, dass sie durch den Ablauf der Zeit schon wieder eine andere geworden ist.“

Richtig! Wir verändern mit jeder Bewegung, Handlung, mit jedem Wort die Wirklichkeit. Der allgegenwärtige Zeitpunkt, die Gegenwart, ist unsere einzige Wirklichkeit. Genau genommen der einzige Moment, in dem wir wirken können. Etwas be-wirken können. Und genau diese Fähigkeit haben wir weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft. Also kann man beides getrost ignorieren. Ich sage nicht, vergessen, denn mir ist bewusst, dass man nicht sein ganzes, gelebtes Leben vergessen kann. Aber man kann es loslassen, das heißt, sich bewusst machen, dass sie bereits bedeutungslos ist. Durch sie wird nichts mehr verändert, sie lässt sich nicht mehr ändern, also kann man alles, was in ihr war, annehmen und dann loslassen. Denn was wir loslassen, bleibt zwar in unserer tiefen Erinnerung, oft auch in unserem Herzen aber ganz sicher nicht mehr als Ballast auf unserer Seele und Reise.

Ich war 22 Jahre alt und hatte zu meiner Familie keinen Kontakt, als ich erfuhr, dass mein Vater Todkrank war und nur noch wenige Wochen leben würde. Ich setzte damals alle Hebel in Bewegung, um ihn schnellstmöglich noch einmal zu sehen. Über sechs Jahre hatte ich ihn weder gesehen noch gesprochen und die ganze Fahrt zu ihm – mehrere hundert Kilometer – versuchte ich nur eines; mir die Worte zurechtzulegen, warum ich jetzt plötzlich bei ihm war. Als ich dann vor meinem Vater stand, hatte ich nur noch eines im Kopf; ich habe ihn trotz allem immer geliebt. Weil er mein Vater ist! Noch am gleichen Tag verstarb mein Vater, er hat die wenigen Wochen nicht mehr geschafft. Genau genommen hat er nicht eine davon geschafft. So vieles hätte ich ihm gern noch gesagt, manches noch gern geklärt und vielleicht auch gern wenigstens ein einziges mal von ihm gehört, dass auch er mich liebt. Für nichts davon reichte die Zeit und war mein Vater klar genug. Das Morphium ließ meinen Vater abwechselnd dämmern und phantasieren. Was ich in mein Herz geschlossen habe, ist die Tatsache, dass er mich nicht loslassen wollte, meine Hand ganz fest hielt. Und seine letzten Worte an mich „Gute Nacht, schlaf gut“ waren. Meine ganze Kindheit verlief genau so. Meinen Vater habe ich eigentlich tagsüber unter der Woche nie gesehen. Höchstens mal am späten Abend, wenn er von der Arbeit heim kam. Und dann bekam ich auch nur ein „Gute Nacht, schlaf gut“ von ihm zu hören. Und genau so, wie wir unser Leben miteinander verbracht haben, so ist er von mir gegangen und das behalte ich in meinem Herzen. Nur das. Nicht den Streit, nicht die Vorwürfe oder die Tatsache, dass unser einzig wirkliches Gespräch nach 22 Jahren auf seinem Sterbebett stattfand. Nein, nur die Tatsache, dass er mich erkannt hat und genau das für mich tat, was er immer für mich getan hat; er wünschte mir eine gute Nacht.

All diese Tatsachen, was das Sterben meines Vaters betrifft, habe ich angenommen. So, wie sie stattgefunden haben, nicht zu ändern waren und vorbei gegangen sind; genau so habe ich sie angenommen, an mein Herz gedrückt und sie dann losgelassen. Weil die Wirklichkeit Platz zum wirken braucht. Alles, was wir mitnehmen und als Ballast mit uns tragen, obwohl es reine Vergangenheit und Erinnerung ist, nimmt unserem eigenen Wirken Platz. Ich hab meinen Vater im Herzen und wenn ich einen Stern oder Regenbogen seh, dann denk ich an ihn, schick ihm einen Gute Nacht Kuss und dann lass ich ihn weiter schlafen. Ich hab ihn nicht vergessen, ich werd ihn nie vergessen und er wird immer seinen Platz in meinen Erinnerungen haben. Nicht in meinem Leben, in meiner Wirklichkeit, sondern in meinen Erinnerungen, welche ich bis an mein Lebensende behüten werde wie meinen größten Schatz.

Geht bitte da raus und lebt euer Leben; hier und jetzt. Es gibt Menschen, die ihr Leben lang einen Traum haben. Andere erinnern sich ein Leben lang an das,was einmal war. Was die wenigsten machen, ist in der Wirklichkeit sein. Dabei ist genau das unser Leben!

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3 Kommentare zu „23. Juli … sind wir wirklich?

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