WUT! Ja, auch ich…

Es gibt wenige Dinge, die mich heute noch wütend machen können. Sehr wenige. Und inzwischen lebe ich mit der Wut und entscheide ganz allein, ob ich sie zulasse oder nicht. Im Moment ist es so, dass ich an meinen Hausaufgaben sitze und nebenbei mich ein wenig in einer Community unterhalte. Ein bisher nettes Gespräch wandelt sich grade. Ich wurde gefragt, wo ich herkomme, was ich so mache, wie es meinen Kindern geht. Als der Knabe etwas aufdringlicher wurde, habe ich ihm ganz offen gesagt, dass ich weder einen Mann suche noch dass ich überhaupt Zeit für einen hätte. Warum, hat er gefragt und ich erzählte ihm von meiner Arbeit, Schule, Kinder, der Behinderung von meinem Sohn,… Ich geh da immer sehr offen damit um, wie mit allem. Plötzlich stellt mir dieser Mann Fragen; sind meine Kinder vom gleichen Mann, rauche ich, trinke ich,…

Leute, ich kann das nicht mehr hören, wirklich! Immer wieder begegnen mir Menschen, die mir tatsächlich klar machen wollen, dass ich schuld daran bin, einen behinderten Sohn zu haben. Dieser hier behauptet jetzt sogar, wenn ich aufgepasst und verhütet hätte, wäre das nicht passiert. Ach ne, wirklich? Dann hätte ich jetzt keinen behinderten Sohn? Gut dass mir das endlich einer sagt! Warum bin ich damals bloß nicht drauf gekommen? Ich bin wirklich katastrophal dumm! Echt!

Ernsthaft; ich werde nie, NIE den Tag vergessen, an dem man mir vorsichtig den Verdacht ausgesprochen hat, dass mit meinem Sohn etwas nicht stimmt. DASS etwas mit ihm nicht stimmt war mir von vornherein klar und als es mir jemand sagte – und da ging es noch nicht mal um Behinderung – zog es mir trotz alledem den Boden unter den Füßen weg. Mein geliebtes Kind, mein ein und alles, mein Stern um den sich mein ganzes Leben dreht, seit er auf dieser Welt ist – was stimmt mit ihm nicht? Und vor allem; WARUM? WAS hab ich falsch gemacht? Wann ist das passiert, wo war ich und – verdammt noch mal – warum hab ich ihn nicht beschützt? Nicht genug auf ihn aufgepasst? Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf und jeder einzelne davon traf mich direkt in mein Herz. Ich hatte versagt, von Anfang an. Ich, seine Mutter, die ihn doch beschützen sollte, auf ihn acht geben muss, habe versagt. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich geweint habe, nein, ich habe geheult wie ein kleines Kind. Und es war mir egal, wer das alles mitbekommen hat. Meine Welt brach auseinander und ich habe mir sehr, sehr viele Vorwürfe gemacht.

Der Weg von diesem einen Tag – als man mir sagte, dass mein Sohn nicht „normal“ sei – bis zu dem Tag, an dem wir dann eine sichere Diagnose hatten, war sehr lang. Führte uns vorbei an vielen Therapeuten, Psychologen, Ärzten bis hin zu Kliniken. Ich lernte, damit zu leben und als wir die Diagnose hatten und ich zu einem Beratungsgespräch ging, erfuhr ich, dass mein Sohn Anspruch auf einen Behindertenausweis hat. Er ist behindert, das kapierte ich erst jetzt. Es traf mich, aber nicht mehr so sehr und tief, wie der erste Schlag.

Was mich zutiefst traf, war meine erste Begegnung mit einem Mann – bisher haben mich nur Männer bei diesem Thema „angegriffen“, fällt mir grade auf – der versucht hat, mir einzureden, dass ich allein Schuld daran bin, dass mein Sohn behindert ist. Ich hätte mit Sicherheit geraucht, getrunken, vielleicht sogar Drogen während der Schwangerschaft genommen. Und mein erbliches Material sei wohl nicht so besonders. Und zu guter letzt muss ich mir inzwischen anhören, dass ich selbst schuld sei; ich hätte unüberlegt die Beine breit gemacht, wollte Spaß haben und jetzt stecke ich dafür in der Scheiße. DAS ist nicht mein Wortlaut sondern exakt der des Mannes, der mich heute verbal angreift. Da frag ich mich; wann ist mir damals eigentlich entgangen, dass dieser Typ dabei war, als mein Kind gezeugt wurde? Muss er ja, woher sonst hat er so viele Details? Woher nehmen sich Menschen die Frechheit, mir solche Dinge an den Kopf zu werfen? Und auch wenn ich solche Leute inzwischen schnell ignoriere – was dann wiederum so ausgelegt wird, dass ich die Wahrheit weder vertrage noch hören will – und mir den Mist, den sie mir erzählen wollen, nicht zu Herzen nehme, trifft es mich jedes mal ein klein wenig. Weil ich nicht verstehe, warum es hier um Schuld geht. Ändert es etwas – an mir, meinem behinderten Sohn, an der Wirklichkeit, so wie sie nun mal ist – , bringt es etwas, wenn irgendjemand die Schuld dafür bekommt? Und wofür? Dass mein Sohn nicht in die Norm passt? Dass er anders ist? Wenn mein Sohn morgen ein gesundes, „normales“ Kind wäre, nur weil ich heute die Schuld auf mich nehme, dann würde ich das sofort tun. Ganz egal, ob es Schuld in diesem Fall überhaupt gibt, ob ich Schuld bin oder es überhaupt sein kann – ich würde alles auf mich nehmen, wenn er dafür morgen „normal“ wäre. Nicht, weil ich meinen Sohn nicht liebe; ich liebe ihn von ganzem Herzen, genau so wie er ist. Er lehrt mich immer wieder, dass es keine Rolle spielt, WIE ein Mensch ist, sondern einzig und allein, DASS er ist. Nein, deswegen würde ich nicht Schuld gegen ein normales Leben tauschen. Ich würde es nur tun, weil es da draußen Menschen gibt, die es einem Behinderten und seinen Angehörigen – die ohnehin viel Last mit sich tragen – noch schwerer machen. Weil es immer Menschen geben wird, die meinem Sohn klar machen wollen, dass er „nicht normal“ ist, dass er nicht „gut“ ist und dass es besser gewesen wäre, Mutti hätte aufgepasst, denn dann wäre ER nicht passiert! Solche Menschen gibt es und ich hab grad Tränen in den Augen weil ich mir so sehr wünsche, mein Sohn muss das nie hören. Ich wünsche ihm Frieden in seiner kleinen Welt und ich wünsche seiner Welt den Frieden, den behinderte Menschen brauchen. Es geht nicht um Schuld, sondern darum, jeden Menschen anzunehmen, wie er ist. Keiner wurde vorher gefragt, wie er geboren werden möchte; schwarz, weiß, ganz, halb, behindert, perfekt, dumm… NIEMAND von uns wurde gefragt, welches Paket er haben will, wir sind alle Launen der Natur und viele unter uns hatten einfach das große Glück, ohne irgendein Handikap geboren zu sein. Es macht mich nicht wütend, wenn man mich beschimpft und beleidigt. Was mich wütend macht ist die Tatsache, dass man mir sagen will; dein Sohn ist kaputt und du bist schuld. Nein, mein Sohn ist nicht kaputt. Der ist mehr GANZ in seinem Herzen als viele andere da draußen. Er würde niemals irgendjemanden solche Dinge an den Kopf werfen. Er würde niemals einen Menschen verurteilen, der anders ist. Wer in dieser Gesellschaft ist also kaputt? WER? Wenn ich könnte, würde ich meinen Sohn dafür „normal“ werden lassen; damit er diesen Menschen nie begegnen muss, die ihn für minderwertig halten. Damit ihm kein einziger von denen weh tun kann.

Und falls es einigen da draußen noch nicht klar ist; jeder von uns, JEDER, kann morgen behindert sein! Auch du!

Und nun entscheide ich, dass ich die Wut heute nicht zulassen werde. Mich heilt sie nicht und andere wollen nicht geheilt werden… Schönen Tag euch allen

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