7. Juli … erst mal alles Gute!

Da schreib ich nun das Datum hier rein, wie jeden Morgen und stelle fest, dass mein Vater heute Geburtstag hat. Oder besser gesagt; Geburtstag hätte. Happy Birthday, Papa, wo auch immer Du jetzt bist. 74 Jahre wärst Du jetzt alt und irgendwie funktioniert das in meiner Vorstellung gar nicht; du so alt! 17 Jahre bist du nun schon fort. Wie du es nanntest, bist du zum Regenbogen aufgestiegen und wolltest wissen wo er endet. Was ich damals gesehen habe, war die schonungslose Wirklichkeit; Du bist elendig an Krebs gestorben. So sehr mich das für einen Moment zutiefst erschüttert hat, so sehr musste ich auch lernen, mir selbst zu verzeihen. Es gab Zeiten, da hab ich Dir genau das gewünscht; Du mögest elendig verrecken. Du warst für mich nie Vorbild oder eine Vaterfigur. Du warst jemand, der durch die Tatsache, mich gezeugt zu haben, eine Rolle in meinem Leben spielen durfte. Du warst nicht greifbar, warst unnahbar und wenn es eskalierte, warst Du voller Zorn. Ich hatte nie Respekt vor Dir, sondern Angst. Und den tiefen, innigen Wunsch, ich würde Dich kennen. Viel zu wenig wusste ich von Dir, kannte ich Dich. Wir haben nie wirklich miteinander gesprochen, obwohl wir beinah 16 Jahre unter einem Dach gelebt haben. Als Du fort warst, war mir das nicht völlig egal. Es passierte einfach viel zu schnell und ich versuchte, zu verstehen, dass das kleine ausgemergelte Bündel Mensch, welches ich an seinem letzten Erdentag sehen durfte, mein Vater war. Zumindest das, was von ihm übrig geblieben war.

An Deinem letzten Tag habe ich Dir alles verziehen und bat Dich zutiefst um Verzeihung. Deine trüben Augen haben mich angesehen und jedes Deiner Worte hat Dich wegen dem Morphium so viel Kraft gekostet. Jahre hab ich danach gebraucht, um auch mir verzeihen zu können. Es hat Menschen gegeben, die haben mir Gründe genannt, warum man Dich hätte lieben können. Aber ich wollte selbst auf diese Liebe kommen, diese Saite in mir, die allein Dich betrifft, ganz allein zum Klingen bringen. Seit ich meinen Frieden mit mir selbst und meinem Leben habe, seither ist es manchmal sehr still in mir und dann kann ich Deine Saite hören. Anfangs schwang sie ganz zaghaft mit einem winzigen Vibrieren; als wär sie aus Glas und ein unbedachter, kleiner Ticken zu viel Kraft würde sie sofort zerstören. Inzwischen klingt sie klar und rein und ich kann sie auch ohne Stille hören. Weil ich Dir eine Heimat in meinem Herzen gegeben habe und Dich allein für die Tatsache, dass Du ein großer und bedeutender Teil meiner Herkunft bist, liebe. In unserer letzten, gemeinsamen Stunde – schade, dass wir uns im Leben nie so nahe waren – habe ich Dir für meine Flügel gedankt und Dir versprochen, dass ich sie immer achten und schützen werde. Meine Flügel, mit denen es mir möglich ist, Gedichte und Texte zu schreiben; das kleine Talent, welches ich dazu besitze, hab ich von Dir. Ich dankte Dir dafür und Deine kurze, knappe Antwort darauf habe ich nicht verstanden, wie den Großteil unseres Gesprächs. Nur als ich gehen wollte, da packte Dich eine unbändige Kraft, mit der Du meine Hand dann festgehalten hast und mich daran hindern wolltest, zu gehen. Deine trüben Augen wurden für einen Moment klar und endlich gelang es Dir, mich direkt anzusehen. Das letzte, was Du mir gewünscht hast, war eine gute Nacht. „Gute Nacht, schlaf gut“, hast Du mir gewünscht und danach haben wir uns nie wieder gesehen. Wenige Stunden später bist Du für immer eingeschlafen und ich dankte im Stillen Gott, dass er Dein Leiden so schnell erlöst hat. Und als es Abend wurde, bin ich raus gegangen, hab den hellsten Stern am Himmel gesucht und Dich dort hingeschickt. Und da blinkst Du noch immer, hoch oben am Himmel und manchmal ist es, als würdest Du mir zuzwinkern. Und wenn ich Dich dort oben sehe, dann wünsche ich Dir von Herzen eine gute Nacht und dass Du gut schläfst.

Papa, ich würd nach dem Preis gar nicht erst fragen, den ich zahlen müsste, um Dich ein letztes mal zu sprechen. Nicht zu sehen, nein, zu sprechen. Wir haben viel zu wenig miteinander gesprochen zu unseren Lebzeiten und das finde ich noch immer schade. Jeden Preis wäre ich bereit, dafür zu bezahlen; aber ich kann es nicht. Und vielleicht ist das sogar gut so. Vielleicht ist dieser magische Moment, den wir noch hatten, das, was uns ausgemacht hat in diesem Leben. Dass ich Deine Hand halten durfte, als Du Dich längst auf den Weg zur Regenbogenbrücke gemacht hattest und wir nach all den Jahren Schweigen doch noch mal zueinander gefunden haben; dafür bin ich bis heute zutiefst dankbar.

Ganz egal, was mal gewesen ist; Du warst und bist mein Vater und hast mir – zusammen mit meiner Mutter – das wertvollste geschenkt, was man einem Menschen schenken kann; mein Leben. Es gab Zeiten, da hasste ich Dich genau dafür. Umso mehr danke ich es Dir heute. Und eine meiner größten Bitten in diesem Leben wird in meinem Kopf nie verhallen; ich hatte einen Vater, ich wünschte, ich hätte ihn wirklich gekannt!

Ich trink heut einen auf Dich und so wie ich Dich kenn, trinkst Du gern einen mit. Auf dich, Papa! Auf dass die Erinnerungen Dich lebendig halten und Du nie ganz in der Ewigkeit verglühen wirst…

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