16. Mai Menschlichkeit

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Angeregt durch eine Diskussion gestern hab ich mich die halbe Nacht mit Menschlichkeit befasst. Hab darüber nachgedacht, was uns zu Menschen macht und warum es überhaupt einer Handlung bedarf, dass aus uns Menschen etwas menschliches wird.

Vor ein paar Jahren musste ich mal mitten in der Nacht ins Krankenhaus. Zu der Zeit war mein großer Sohn schon auf der Welt und ich war mit dem Kleinen schwanger. Telefonisch versuchte ich, jemanden zu erreichen, der sich um meinen Sohn kümmern würde, fand aber keinen. Als ich grade mit meinem Sohn auf dem Arm in den Krankenwagen steigen wollte, stand plötzlich jemand da. Ein Mensch, mit dem ich damals im Streit war, bot mir mitten in der Nacht seine Hilfe an. Ich bekam die Aussage zu hören: „Das kann schon sein, dass wir Streit haben und wenn du meinst, dann können wir den morgen auch wieder haben. Aber jetzt, jetzt haben wir keinen Streit, jetzt helfe ich Dir erst mal.“ Das war ein Moment, den ich nie vergessen werde und diesem Menschen immer noch hoch anrechne. Das können nicht viele, so tun, als wäre für einen Moment alles in Ordnung, nur um helfen zu können. Das war eine wunderschöne Geste.

Durch ein Projekt durfte ich vor ein paar Jahren mal mit meinen Kindern für vier Wochen nach Kreta. Dort musste ich arbeiten, während meine Kinder betreut wurden. Es ging darum, Müttern zu zeigen, dass sie auch mit Kind einiges auf dem Arbeitsmarkt leisten können. Es war eine tolle Erfahrung und hatte den schönen Nebeneffekt, meinen Kindern das Meer zeigen zu können. An einem Nachmittag spazierten wir am Hafen entlang und als ich mich einen Moment umdrehte, ging mein kleiner Sohn verloren. Sofort schnappte ich mir meinen Großen und ließ ihn nicht mehr los. Zusammen gingen wir suchen aber es war aussichtslos. Überall Menschen, Touristen, Gassen und Winkel, unglaublich viele kleine offene Türen in Häuser, wo man etwas kaufen konnte. Ich mied es, in das Wasser, welches dort steil ins Hafenbecken abfiel, zu schauen. Zu groß war die Angst, dort mein Kind leblos treiben zu sehen. Ich fragte inzwischen jeden, ob er mein Kind gesehen hatte. Beschrieb, was er an hatte, wie groß er war. Auch einem Kellner stellte ich verzweifelt meine Fragen. Er sah mir einen Moment in die Augen, zückte dann ein Telefon aus der Hosentasche und fing an zu telefonieren. Kurz darauf lief er los und rief mir noch zu „Wait! Stay here!“. Nach etwa 15 Minuten kam er mit meinem Sohn auf dem Arm zurück. Wie sich herausgestellt hatte, telefonierte er ein Restaurant nach dem anderen ab, welche da wie Perlen auf einer Schnur dicht an dicht am Hafen lagen. Jedem, den er ans Telefon bekam, beschrieb er meinen Sohn und konnte so seiner Spur folgen. Ich umarmte mein Kind, noch während es dieser Fremde auf dem Arm hatte und weinte vor Glück. Und dann dankte ich ihm unzählige male. Er nahm selbst als Kellner kein Trinkgeld von mir an, er sagte nur “ Ich hab die Angst in deinen Augen gesehen, ich musste helfen. Vergiss nie, ein Albaner hat dir dein Kind zurück gebracht.“ Mir war das völlig egal, woher er kam, wer er war oder wohin er wollte. Er war für mich zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hat etwas für mich getan, was für mich an Menschlichkeit kaum zu übertreffen ist. Er hat seine Arbeit und seinen Chef einfach stehen und liegen gelassen und ist losgerannt. Ohne nachzudenken, für jemanden, den er nicht mal gekannt hat. Noch heute bin ich ihm dafür dankbar.

Wir haben auch einen lieben Menschen in der Familie, der uns schon ein paar mal mit in den Urlaub genommen hat. Für mich kaum bezahlbar waren die Kinderferiendörfer für meine Kinder ein Traum. Dafür seinen eigenen Urlaub opfern, das Ausschlafen morgens dank meiner Kinder vergessen zu können und dafür den ganzen Tag für Spaß zu sorgen zeugt für mich für Menschlichkeit.

Was also macht uns jetzt zu Menschen mit Menschlichkeit? Vielleicht, wenn wir handeln, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Weil wir für einen Moment nicht an uns selbst denken, sondern nur um das wohlergehen eines anderen. Wenn wir andere einfach mal über uns selbst stellen…

Das Foto wurde mir von einem lieben Freund zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

 

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